Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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stößt, durchschreitet den Abgrund. Dichter werden vom Zeitwirbel aufgerüttelt;
manche waren nur vom Strome Ergriffene, ja von ihm Besessene. Rauschextatisch,
ja oft lustüberschwänglich übersteigerten sie Wanken und Stürzen. „Menschen schau-
keln im Kosmos" (Edschmid). Hybris liegt im Rauschtanz der Sprache der Expres-
sionisten, wenn sie sich im Wirbel der Begeisterung dreht.

Der Aktivist ist Zielsetzer. Der Labyrinthweg extatischen Herztakts ist ihm
sinnlos, Incommensurables scheint ihm Vermessenheit, er ist Zweckmensch, die
Strecke von Punkt zu Punkt ist ihm die kürzeste, daher der einzig sinnvolle Weg.
Er lehnt das verwegene Abenteuer des Extatikers ab, er weiß sich orientiert (aber
nicht nach dem lichtbringenden Osten, nein nach dem Westen), er glaubt, den
Sinn erkannt zu haben, und proklamiert unerbittlich Programme.

Nun sei manches aus der reichen Reihe der Gegensätze herausgegriffen, deren
eingehendster Schilderung Paulsen sein bedeutsames Buch widmet: Der Expressio-
nist ist Extatiker, Visionär, Schwärmer, zum Überschwang steigert er das Gefühl
seiner zu Gott hingebrückten Sehnsucht und Ergriffenheit, deshalb sucht er Un-
endlichkeit des Ausdrucks. Stürmend-Ungemeßnes, jede Gesichertheit brechend,
reißt Schleusen auf, daß Lebensstrom ausstürze, der sich im Rausch und Rauschen
kosmischer Musiken in Herzen ergieße. Dichter sind Mächten ausgeliefert, har-
rend, ob sie Besessenheit würge oder Gnade erhebe.

Paulsen glaubt, solch exzessiven Überschwang mit dem „Sicherheben" der
Gotik vergleichen zu können. Mir aber scheint die expressionistische Dynamik
nie vertikal, sondern Wirbel- und Drehgewalt zu sein, Umschwung, Erddurch-
rüttlung aus extatischer Rotation (was am deutlichsten im Bildgefüge der Maler
zu schauen ist). Ersehnt ist der Gott der Erde, der neue Erdgeist.

„Wir sind vom Licht und sollen Finsternis gebären,
drum schufen wir die Erde und da kam die Nacht.
So konnten wir dem Himmel seine Macht bescheren,
dann lachten wir: die Sonne hat aus uns gelacht."

(Th. Däubler.)

Paulsen zeigt, Worringer folgend, Weltangst als Schleuderkraft des vulka-
nischen Seelenausbruchs auf. Es scheint mir aber, diese dämonisch aufwirbelnde
Angst ist viel urtümlicher als die erdflüchtige Himmelssehnsucht der Gotik. Doch
wenn Paulsen den nordischen Menschen den „unbefriedigten Menschen" nennt,
so entdeckt er den Ort jenes Rätsels, aus dem alle Sehnsüchte und Flüchte in süd-
liche Erde und ins Jenseits ausbrachen.

Dagegen ist der Aktivist Mensch des Kopfes, dessen Verstand Zucht in Kos-
mos und Chaos bringen will. Er ist Praktiker, Verwirklicher, er will dem Leben
plastische Form geben, er ist bewußter Propagandist, will als Politiker den Staat
aufbauen, den Alltag ordnen. Einsicht genüge, Neuordnung zu konstruieren, Auf-
klärung weist Wege, Geist wird ratio, also Mittel, z»u begreifen und zu handeln.
Der Aktivist postuliert eine neue Gesellschaft aus diktatorischer Machtbefugnis,
Sozietät garantiere Vollkommenheit des Lebens, „wir wollen bei lebendigem Leibe
ins Paradies" (Kurt Hiller). Der Kampf gegen den bequemen Bürger muß ge-
kämpft werden, der Bürger ist karikierter Mensch, nicht der eigentliche, denn „der
Mensch ist gut".

Die Abgründigkeit des Menschen wird ignoriert, nicht Unfaßliches, sondern
Faßliches forme Menschen zur Tatwirksamkeit, politische Tat, nicht Kunst sei
Mittel zur Zielverwirklichung.

Ludwig Rubiner proklamiert: „Wir sind gegen die Musik — für die Er-
weckung der Gemeinschaft, Wir sind gegen das Gedicht — für die Aufrufung zur
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