Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

pitel in Frage, die sich mit der Wesensart des Jugendstils selbst befassen: „Termi-
nologie des Flächenraums" und „Die formale Erscheinung".

Ist es für die Übersichtlichkeit eines geschichtlichen Werkes durchaus von
Vorteil, wenn sich der Verfasser auf einen Ausschnitt beschränkt, so bedeutet dies
für eine Stilgeschichte eine gewisse Gefahr. Denn es liegt natürlich nahe, für die
Darstellung gerade das Gebiet zu wählen, dem die Stilrichtung selbst einen Vorzug
gibt, in dem sie sich breitschweifig, ja mitunter geradezu geschwätzig ergeht, so
daß es dem Historiker nur zu leicht gemacht wird, sich des Sprachrohrs der Zeit
selbst zu bedienen, anstatt die Stichhaltigkeit gerade an den Aufgaben zu erproben,
deren Lösung der Zeit Schwierigkeiten und Widerstände entgegensetzen. Ein aus-
gesprochener „Flächen-Stil" wäre also instruktiver nicht nur in der Flächen-
darstellung, sondern gerade in einer anders gearteten Gattung, etwa der Architek-
tur, zu verfolgen, wenigstens solange es sich um eine stilgeschichtliche Einordnung
handelt. Der Verfasser ist dieser Gefahr nicht so sehr in der Erfassung der Wesens-
art als in der mühsam und umständlich aufgestellten Terminologie erlegen, bei der
deutlich ist, daß der Ausgangspunkt eben der Jugendstil, aber kein anderer histo-
rischer Flächenstil gewesen ist.

Einzig und allein für die eigenartige Ornamentik des Jugendstils hat die
Unterscheidung zwischen „Form" und „Gestalt" eine Bedeutung; nur von ihm aus
versteht man die Bezeichnung „Flächenraum" und „Flächenkörper" statt des so
viel sinnfälligeren „Grund" und „Muster" oder gar die Auseinanderlegung von
„voluminösem Körper" und „linearem Flächenkörper", wofür man mit weniger
Spitzfindigkeit gewiß mit den Begriffen „geometrische Figur" und „Linie" aus-
kommen würde.

Als Kennzeichen des Jugendstils werden angegeben: „Homogenität des Tones
der Flächen (Schattenlosigkeit), lang gleitende Bewegungen in der Fläche, Be-
schränkung auf wenige Einzelmotive und Formen, deren Dimension gleichzeitig
beträchtlich wächst, endlich motivisch Ersatz historischer durch neue naturalistische
und abstrakte Formen".

Das „Prinzip der Schattenlosigkeit", besser wohl gesagt der Mangel an
plastischer Rundung und das Ausweichen vor jeder Tiefenwirkung ist das sinn-
fälligste Kennzeichen jedes manieristischen Stils. Der Jugendstil ist aber einer
der reinsten manieristischen Stile, die wir kennen. Daher die starke Betonung des
Ornaments und innerhalb des Ornamentes wieder die Bevorzugung der Linie. Der
voraufgehende Stil, der sog. „Historismus", war hochmalerisch gewesen. Der Ver-
fasser schildert ihn als den „Atelierstil der Malerei": „ein Haufen, eine unüber-
sehbare Masse räumlicher Dinge, dreidimensionaler Formen ... stillebenartig zu
einem gefällig malerischen Durcheinander arrangiert". Über den manieristischen
Jugendstil geht die Entwicklung weiter zum „geometrischen Ornament", zur
„Sachlichkeit", also keineswegs wieder zu einer malerischen Unordnung, sondern
zu einer reinen, klaren, vielleicht heute noch nicht ganz erfüllten Klassik. Somit
liegt die historische Stellung des Jugendstils fest. Er bedeutet die Einschmelzung
aller malerischen Elemente zu einem indifferenten, biegsamen Plasma, aus dem
die Folgezeit ihre Gestalten bilden kann. Die Möglichkeiten dafür sind mannig-
faltigster Natur. Kein historisch manieristischer Stil gleicht dem anderen. Aber die
Möglichkeiten sind auch begrenzt. Und da eben liegen die Offenbarungen und
Wunder der geschichtlichen Enthüllung: trotz des vorgezeichneten Weges die
Einzigartigkeit des Vorgangs zu begreifen, den geschichtlich einmaligen in dem
zeitbedingten Stil.

Das Einzigartige des Jugendstilornaments, das uns befähigt, es aus tausend
anderen Ornamenten ohne zu zögern herauszuheben, besteht in seiner Zwischen-
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