Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

Page: 263
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1936/0277
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
herein und überhaupt zukommt, und von dem aus sie auf den ganzen Bereich des
Lebens letzten Endes übertragen wird, besondere Bedeutung gewinnen, da hier das
ästhetische Bedürfnis die uneingeschränkteste Befriedigung findet. Für den ästheti-
schen Menschen wird die Kunst Mittelpunkt des Lebens sein, höchster Wert, an dem
alle anderen gemessen werden; sie wird sogar zur Quelle von Werterlebnissen wer-
den, wie sie sonst religiösen Werten entspringen, sodaß bei rein ästhetischem Welt-
erleben Kunst an die Stelle der Religion treten und ihre Funktionen übernehmen kann.
Ästhetisches Erleben religiöser und kultischer Werte liegt auch dem Dichter nahe,
und auch bei ihm kommt der Kunst, die um alle Opfer, die für sie gebracht werden
müssen, nicht zu teuer erkauft erscheint, eine solche Spitzenstellung, ein absoluter
Primat zu. Sie ist der höchste Lebenswert, wertvoller als ethische Werte, und zu-
gleich die höchste Stufe im Stufenbau der menschlichen Kultur.

Die hier kurz zusammengefaßten ästhetischen Momente gehören nicht nur dem
Weltbild Stuckens an, sie sind für ästhetische Weltanschauung überhaupt typisch1).
Neben ihnen lenken jedoch in einem Aufbau des Gesamtweltbildes des Dichters ästhe-
tische Züge von offenbar eigenartigerer Prägung die Aufmerksamkeit auf sich. Diese
aufzuzeigen macht sich die vorliegende Arbeit zur Aufgabe. Die einzelnen Werke sol-
len dabei einzig und allein als Quelle für die Weltanschauung des Dichters aufgefaßt
werden, auf ihren künstlerischen Wert kommt es hier nicht an.

1. Die Schönheit des Vergehens

Auch hinter dem starken Gefühl für die Vergänglichkeit des Daseins und dem
Schmerz über sie muß, so scheint es, großes Verständnis für die Schönheit der Welt
liegen. Nur ein Mensch, der die Welt als schön erlebt und sie um ihrer Schönheit
willen schätzt oder zumindest geschätzt hat, wird über ihr Hinschwinden Schmerz
empfinden. Wem sie von vornherein als Jammertal, als Vorbereitung nur z. B. auf
ein besseres Jenseits gilt, der wird ihr Vergehen nicht mit so traurigen Augen be-
trachten wie der ästhetisch gerichtete Mensch, der an jedem einzelnen Schönen haftet
und daher immer von neuem seinen Verlust erleiden muß. Das Lebensgefühl, das sol-
chem Erleben entspringt, wird das der Trauer sein, der Schwermut und zuletzt des
Unbefriedigtseins im Leben, das — so gesehn — niemals mit dauerndem Reiz fesseln
kann.

Die Elegie III (Romanzen und Elegien) und ein kleines Gedicht des Buches der
Träume („Den Fluß hinab") erzählen von der Seele, die jung und sehnsuchtsvoll sich
kühn hinauswagt und auszieht nach der Schönheit des Lebens, um flügellahm und
sterbend heimzukehren, enttäuscht und reicher um die Erkenntnis, daß Glanz und
Freude der Welt vergänglich sind. Diese Gedichte scheinen mir den Weg zu spie-
geln, den der Dichter in seiner Haltung dem Leben gegenüber wirklich genommen
hat, einen Weg von der Freude an seiner Schönheit zu der Einsicht, daß alle Freuden
ohne Dauer sind. Die Erkenntnis, daß die Schönheit der Welt Trug ist, Schein nur,
der vergeht, daß hinter der Hülle der Dinge der Tod sich birgt und das Grauen der
Vergänglichkeit, sie bildet das Hauptmotiv im Werk des Dichters, in der Lyrik — /wenn
der Gedanke an Tod und Vergehn in der Natur ihn erfaßt, hervorgerufen nicht von
der Melancholie des Herbstes, sondern durch die sommerliche Erntelandschaft (Gar-
ben auf dem Feld [Buch der Träume]). Oder wenn der Geliebte nicht um einer andern
willen untreu wurde, sondern weil seine Liebe zerbröckelnd der Zeit zum Opfer fiel
(Die Verlassene [Buch der Träume]). Vgl. auch „Schwermut" [Buch der Träume],
„Connla" und den „Triumph des Todes" [Romanzen und Elegien] / — und in der

x) Vgl. K. J. Obenauer: Die Problematik des ästhetischen Menschen in der deut-
schen Literatur. (München 1933.) I. Buch.
loading ...