Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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Bedeutungen fassen sich in dem Begriff zusammen, daß das Schöne reines Form-
wesen ist." Hierhin gehört auch der Anfang des § 56 bei Vischer: „Wenn demnach
das Wesen des Schönen reine Form und diese nichts anderes ist als die allgemeine
Harmonie der Idee mit der Wirklichkeit, aber nicht in ihrer Allgemeinheit, sondern
zur vollendeten Erscheinung heraustretend im Einzelnen, so erhellt nunmehr der
wesentliche Unterschied in der Einheit des Schönen ..." S. 25 findet sich bei Hans-
lick die vielberufene Stelle: „Die Ideen, welche der Komponist darstellt, sind vor
allem und zuerst rein musikalische. Seiner Phantasie erscheint eine bestimmte schöne
Melodie. Sie soll nichts anderes sein als sie selbst. Wie aber jede konkrete Erschei-
nung auf ihren höheren Gattungsbegriff, auf die sie zunächst erfüllende Idee hin-
weist und so fort immer höher und höher bis zur absoluten Idee, so geschieht es
auch mit den musikalischen Ideen ..." Man halte dazu Hegel 1,120: „...die Schön-
heit ... ist nicht ... Abstraktion des Verstandes, sondern der in sich selbst konkrete
absolute Begriff und bestimmter gefaßt die absolute Idee." Der § 15 lautet bei
Vischer: „Es kann ... zunächst immer nur eine bestimmte Idee sein, welche in der
schönen Erscheinung zum Ausdruck kommt; denn das Allgemeine kann sich über-
haupt im Einzelnen nur durch die Mitte des Besonderen darstellen. Jede bestimmte
Idee ist aber nichts Anderes als eine Form und Stufe der absoluten, es sind in jeder
alle miteingeschlossen; daher ist ebenso wesentlich die andere Seite festzuhalten,
daß in jedem Schönen mittelbar nicht nur diese oder jene, sondern die Idee als gegen-
wärtig erscheint." —

Es ist unbestreitbar, daß Hanslick sich die Lehre der spekulativen Ästhetik vom
Grundbegriff des einfach Schönen für alle Auflagen seiner Schrift zu eigen ge-
macht hat.

2. Hanslick verbindet in dem bereits gebrachten Zitat von S. 25 die einzelne
musikalische Idee mit der absoluten Idee durch die Gattung. Man vergleiche damit
den § 17 bei Vischer: „Die Idee bestimmt sich ... als Gattung und dieses Wort be-
greift in sich zunächst die Reihe der Ideen innerhalb der Grenze, wo sich die Idee
erst noch als bewußtlose Lebenskraft verwirklicht. Jede Gattung aber ist die Beson-
derung oder Art einer höheren Gattung und diese aufsteigende Linie, welche jedoch
bei der inneren Einheit, die ihr Grund ist, die Unterschiede ihrer Gattungen und Ar-
ten festhält und nicht die eine aus der anderen natürlich erzeugt, und welche sich
durch feste, nur durch Andeutungen des Übergangs geöffnete Grenzen in geschlos-
sene, die großen Hauptstufen darstellende Sphären und umfassendere Reiche teilt,
ist die Stufenfolge, in welcher die absolute Idee ihren Gehalt in wachsender Tiefe
und Fülle verwirklicht. Je höher in dieser Reihe eine Idee steht, desto größer muß
auch die Schönheit sein, aber auch je die niedrigere enthält die wesentliche Bedingung
der Schönheit, weil jede ein integrierendes Glied ist in der Totalität der Ideen."

Nach Hanslick verkörpert das einzelne Kunstwerk eine bestimmte Idee. Dazu
paßt Hegels Satz I, 96: „Die Idee als das Kunstschöne ist die Idee mit der näheren
Bestimmung, wesentlich individuelle Wirklichkeit zu sein ...". Bei Vischer ist im
§ 52 die Rede von der einzelnen Idee als der bestimmten Idee.

Hanslick nennt S. 27 die Ideen „lebendig gewordene Begriffe". Der § 16 bei
Vischer lautet: „Die Idee ist streng zu scheiden vom abstrakten Begriff. Abstrakte
Begriffe sind alle diejenigen Bestimmungen des Denkens, welche bloß ein allgemeines
Moment enthalten, das zu dem Inbegriffe dessen, was ein selbständiges lebendiges
Wesen in sich vereinigt, und wodurch es in Beziehungen zu anderen tritt, mitgehört,
aber ein solches nicht ausmacht. Dieser Inbegriff dagegen, sofern er gedacht wird
als in der Objektivität völlig durchgeführt, heißt Idee; die Welt der Ideen und eben-
hiermit des Schönen beginnt daher erst mit den Reichen des Lebens und auch das
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