Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

sehen Wesensgestalt, aber auch in ihren verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten
behandelt.

So ist ein Buch entstanden, das dem Leser auf jeder Seite tiefe Einblicke in Wesen
und Formen der Erzählkunst vermittelt. Dadurch aber, daß die grundsätzlichen Erör-
terungen stets durch treffend ausgewählte Beispiele aus den Werken namhafter
Erzähler unterstützt werden, ist es zugleich unmittelbar auch eine vorzügliche Ein-
führung in die Kunst dieser besonderen Erzähler. Und da ein Register die Namen
der zu Beispielen herangezogenen Dichter verzeichnet, wird auch derjenige bei dem
Buch auf seine Rechnung kommen, der, ohne sich im Augenblick über Grundfragen
der Erzählkunst unterrichten zu wollen, sich an stilistischen Feinheiten einzelner
Erzähler erfreuen will. Ob der Leser aber nach grundsätzlichen Klarstellungen sucht
oder sich an Einzelergebnissen genügen läßt, immer wird Petschs Buch ihm helfen,
die Kunst des Erzählers besser würdigen und stärker und reiner genießen zu lernen.

Greifswald. Kurt Gassen.

Rudolf Sühnel: Die Götter Griechenlands und die deutsche
Klassik. Verlag Konrad Triltsch, Würzburg 1935.

Ein großes Kulturerlebnis in seiner Spiegelung in mehreren, immer noch über
die Zeiten strahlenden Geistern zu verfolgen, zumal wenn diese Geister unter einem
gemeinsamen epochalen Zeichen stehen, wird immer fesselnd sein, weil feine Varian-
ten menschlicher Seelenhaltung dabei unmittelbar greifbar werden.

In dem Werkchen Sühneis, das der Weite des Themas gegenüber natürlich nur
Hauptakzente bieten kann, handelt es sich um das Erlebnis des Griechentums von
seiten Winkelmanns, Herders, Goethes, Schillers und Hölderlins. Die Momente, die
sich von der seelischen Strukturverschiedenheit der Erlebenden her ergeben, sind in
Kürze sicher und gut gesehen. So, wenn auf Winkelmanns, des Programmatikers,
Deutung der griechischen Schönheit als der Manifestation transzendenter, mythi-
scher, idealer Schönheit hingewiesen wird und wenn demgegenüber die zunächst
historisch fundierte Relativierung der griechischen Kunst bei Herder aufgezeigt wird.
So, wenn weiter geschildert wird, daß dann doch auch Herder nach geistiger Krise
das Griechentum im Sinne des unbedingt Normativen sehen lernt, und die Antinomie,
die er derart durchlebt hat, durch seine große Geschichtsphilosophie löst. Auch der
Weg, den Goethe und Schiller in ihrem Erlebnis griechischer Kunst und griechischer
Religiosität durchlaufen, wird in freier und großzügiger Führung verfolgt mit klarer
Bezugnahme auf die philosophischen Fundamente. Am längsten verweilt der Ver-
fasser beim Griechentum Hölderlins. Hier stellt Sühnel den bisher betrachteten Klas-
sikern das Wesensgefüge eines Menschen gegenüber, den nicht primär Bildungs-
momente der griechischen Kultur in die Arme treiben, sondern der als religiöser
Typus einfach die nur allzuspäte und doch auch wieder vorläuferische Wiederholung
griechischen Seelentums bildet. Hölderlin erlebt seine Naturgottheiten als ihn um-
webende Realitäten in einer prophetischen und einsamen Berauschtheit, und Hellas
in seiner gewesenen Tatsächlichkeit bietet ihm den Trost, daß die Form seines eigen-
sten Wissens um die Götter schon einmal historisch zutage trat.

Wir wiederholen: es handelt sich um durchweg gut gezeichnete Querschnitte, die
durch oft glücklich eingefügte Gegenüberstellungen noch hervorgehoben werden. Im
besonderen sei auf den Ansatz zu einer Typologie des religiösen Erlebnisses hin-
gewiesen, mit dem der Hölderlin-Abschnitt schließt.

Berlin. Katharina Kanthack-Heufelder.
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