Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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in gleichem Maße gerecht zu werden weiß und dazu noch durch die außerordentliche
Geschmeidigkeit und Biegsamkeit der Gedankenführung selbst ein logisch-ästhetisches
Vergnügen vermittelt. Daß man dabei das Gefühl des allzu Durchdisponierten, einer
gewissen Selbstzweckhaftigkeit im Unterscheiden und Bestimmen, kurz: eines gewis-
sen interpretatorischen ,,1'art pour 1'art" zuweilen nicht ganz unterdrücken kann, mag
zugestanden werden, und es finden sich in dem Tonelli'schen Buche wohl auch manche
Stellen, die auf eine gewisse Geringerbewertung der geschichtlichen Entwicklungs-
momente gegenüber der reinen seinshaften Wesensschau deuten möchten. Aber im
ganzen überwiegt doch der Eindruck des außerordentlichen interpretatorischen Kön-
nens als solchen, und die Befürchtung, daß dabei etwa die Fragestellungen geschicht-
licher Art zu kurz kommen könnten, wird zerstreut durch die aufmerksame Behand-
lung der historischen Fragen im Rahmen der Abhandlung selbst, nicht zuletzt aber
durch den Ausblick auf die uns schon bekannten anderen Werke des vielbewährten
Autors, der ja — ganz abgesehen von jenen seiner Arbeiten, die sich, wie die Unter-
suchungen über die Liebesanschauungen der Renaissancedichtung und über „den
deutschen Geist von Lessing bis Nietzsche" in ihrem Arbeitsprinzip mehr der vor-
liegenden Schrift selbst nähern — in seinem Buch über das italienische Theater eben-
soviel kulturgeschichtliches Gesamtverständnis bezeigt hat, wie in seinen Büchern über
Manzoni, Petrarca und Tasso eine hohe Kunst geistesgeschichtlich-biographischer
Persönlichkeitserschließung.

Das „Ineffabile", von dessen dichterischer Verwirklichung durch Dante in dieser
Abhandlung die Rede ist, mit einem Worte unserer Alltagssprache vollgültig zu
umschreiben, dürfte nicht ganz leicht sein: das „Unbeschreibliche" im letzten Faust-
chorus wird immerhin dem Sinne eines mittellateinischen Terminus noch am nächsten
kommen, den man im übrigen wohl am besten durch die Wendung „mit gewöhnlichen
Worten nicht erfaßbar" umschreibt. Denn darum geht es ja dem begeisterten Dante-
interpreten wohl wirklich vor allem: praktisch zu erweisen, daß etwas, was die ge-
wöhnliche Sprache nicht zu erreichen vermag, der schöpferischen Macht des Dichter-
geistes dennoch zu erfassen möglich ist. Bedeutende Literarhistoriker aus einer Zeit,
die im universalistischen Denken des Mittelalters doch vor allem etwas Archaisches,
unwiederbringlich Vorgestriges sehen zu müssen glaubte, haben diese Möglichkeit
skeptisch beurteilt und demgemäß dem ganz auf das Ineffabile eingestellten Para-
dies-Canto der göttlichen Komödie das Wesen des reinen Kunstwerks abgestritten.
Hiezu den Gegenbeweis zu liefern, ist Toneliis interpretatorischer Kunst durchaus
gelungen: bloß in den Versen über die göttliche Person selbst scheinen uns die
Ergebnisse abstrakter theologischer Spekulation trotz allem doch nicht völlig zu
poetischer Bildhaftigkeit durchklärt.

Die Untersuchung ist, wohl mit gutem Vorbedacht, von vornherein in jener Auf-
stiegsrichtung angeordnet, die für Dantes Hauptwerk selbst schon auf den ersten
Blick so kennzeichnend erscheint: ihr Grundtenor ist der eines historischen und qua-
litativen Crescendo, das seine Schlußsteigerung in Dante, und bei diesem wieder in
den Endpartien des Paradiesgesanges, findet. Zuerst ist von des Dichters Vorläufern
die Rede, und das bedeutet im Grunde einen Überblick über einen Großteil der mittel-
alterlichen Literatur überhaupt, von dem ausgeprägter mystisch gearteten Denken
über die großen Systematiker des dreizehnten Jahrhunderts (deren Zugehörigkeit zur
„mystischen" Gedankenlinie unter theologischen Gesichtswinkeln ja freilich
nicht ohne weiteres bejaht werden könnte), die Hymnographen von der stürmischen
Kraft eines Jacopone da Todi, die schwächeren Bearbeiter durchgeführter Überwelt-
visionen bis zu der stattlichen Reihe jener, die in ihren Dichtungen Interpreten einer tie-
fen erotischen Ekstatik zu sein versuchten. Bei den bolognesischen und florentini-
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