Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

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sehen „Stilnovisten" werden hier in der Tat schon schöne Höhepunkte im dichteri-
schen Ausdruck des Ineffablen aufgezeigt, und es ist von da kein allzu weiter Schritt
mehr zu Dantes eigenem Jugendwerk, der „Vita Nuova", das nun selbst wieder die
Hinaufläuterung der Liebe durch eine ganze Anzahl von Vergeistigungsstufen dar-
stellt. Aber auch im „Gastmahl" und im Werke über die Monarchie weiß Toneliis
Deutungskunst Wege zum Ausdruck des Ineffabile glaubhaft zu machen, die das
einemal vom Weisheitsstreben ihre Ausgangstriebkraft empfangen, während im Mo-
narchiedialog Dante sich bereits an das göttliche Geheimnis selbst herantastet, frei-
lich noch mit rein denkerischen, nicht mit dichterischen Mitteln. Das wahrhaft dich-
terische Ringen um den Ausdruck des Ineffabile im höchsten Sinne, d. i. der mysti-
schen Gottesekstatik, bleibt der „Commedia" selbst vorbehalten, und auch hier be-
schreitet der Dichter den Weg zum schlechthin „Unsagbaren" nur stufenweise und
mit ehrfürchtigem Zögern: denn wenigstens an der Führerhand dieses seines weg-
kundig-zielsicheren Interpreten wird uns die Steigerung vom bloß „Wunderbaren",
aber noch voll Vorstellbaren, der „Hölle" über das Übermenschlich-Unintelligible,
aber doch noch nicht Volltranszendente, des Fegfeuer-Canticos zu dem recht eigentlich
ineffablen Wesen der paradiesischen Welt zu einem überzeugenden subjektiven Er-
lebnis, das freilich angesichts der Aufstiegsgrundhaltung des ganzen Dichtwerkes
selbst auch sehr viel objektive Wahrscheinlichkeit für sich hat.

Daß Tonelli in der Ausdeutung der dichterischen Mittel, mit denen Dante nun
im Paradiesgesang selbst über Natur und Wirklichkeit hinauszugelangen, mit denen
er das Ineffable an Vorgängen, Handlungen, Personen zu gestalten, die Vergegen-
wärtigung paradiesischer Lichtvisionen, Klänge, Bewegungen zu vollziehen ver-
mochte, erst recht den vollen Glanz seiner interpretatorischen Kunst offenbart, be-
darf nach dem bisher Gesagten kaum weiterer Ausführung. Niemals fehlt ihm das
rechte Wort, die richtige Begriffsdistinktion, und so folgen wir ihm auch bereitwillig
in seine abschließende Deutung von Dantes Schilderung des Empireums, bloß zu sei-
nem Urteil über die dichterische Umschreibung der göttlichen Person selbst die
schon zu Eingang gemachten Vorbehalte anmeldend. Und wenn wir schon bekennen
müssen, hier oft mehr der besonderen Magie einer glänzenden Führungskunst zu ge-
horchen, als die wegbahnenden Energien unseres Führers gleichsam in die eigene
Aktivität mitübernehmen zu können, so dürfen wir um so herzlicher ihm aus eigen-
stem beipflichten, wenn er nun in den Schlußworten des Buches nochmals das prin-
eipium individuationis, das für Dantes Genius wohl Vorläufer, aber keine „Quellen"
zulasse, grundsätzlich wie empirisch-historisch betont und seine schöne Arbeit in die
Erkenntnis ausklingen läßt, daß der Dichter der „Commedia" mit dem im Paradies-
gesange erreichten Ausdruck des „Ineffabile" in der Tat einen der beherrschenden
spezifisch mittelalterlichen Geistesantriebe zur Krönung und vollen Verwirklichung
geführt hat.

Seiner praktischen Beweisführung für die Möglichkeit dieser Verwirklichung
schickt Tonelli eine Reihe allgemeiner Betrachtungen voraus, die, wenn sie auch
nicht ganz als vollwichtige deduktive Ergänzung jener induktiven Bemühungen gel-
ten können, doch den Begriff des Ineffabile in hohem Maße klären helfen: wir er-
kennen es als Inbegriff einer „mystischen Ekstase", die zu der „ästhetischen
Ekstatik" des dichterischen Schaffensvorgangs, wenn sie auch mit dieser nicht ver-
wechselt werden darf, doch in einem natürlichen Schwesterverhältnis steht. Und die
ästhetische Ekstatik wiederum erkennen wir als ein wesentliches Teilstück jener
„ästhetischen Persönlichkei t", die unter den verschiedenen von Tonelli an-
erkannten Formen der Persönlichkeit im allgemeinen für das Zustandekommen des
Kunstwerks die wesentlichste ist. Das Kunstwerk aber bedeutet für den italienischen
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