Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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nicht so sehr künstlerisch als vielmehr weltanschaulich-ethisch begründet. Ihr Wesen
ist getragen von aufbauendem Lebensgefühl — das der Neuromantik von zersetzender
Lebensbetrachtung, und wo hier nur der Kopf reflektiert, spricht dort das Herz. Be-
zeichnend z. B. ist beider Richtungen Wertung des Gegensatzes von Künstler und
Philister: die Neuromantik wertet den Philister positiv, den Künstler, der bei ihr
lebensunfähig ist und leicht zum Neurotiker wird, negativ, die Lebensbejahung da-
gegen setzt die Vorzeichen umgekehrt. Sie gelangt von primitiver Naivität, primitivem
Wirklichkeitsgefühl durch geistige Reflexion zu einer „zweiten Naivität" und einem
neuen, schöpferischen Wirklichkeitsbewußtsein.

So ist die Weltanschauung der Lebensbejahung ein Bekenntnis zu Glück und
Freude, sind die Lebensbejaher Propheten des Glücks. Kennzeichnend ihre Stellung
zum Alltag. Der Naturalismus suchte den Alltag, weil angeblich nur der Alltag
„wahr" sei, die Neuromantik dagegen flieht ihn, lebt in ständiger Sehnsucht nach
dem Fest, findet jedoch aus der eigenen Zwiespältigkeit heraus immer nur Alltag.
Der Lebensbejaher aber kennt keinen Alltag, ihm wandelt sich oder er wandelt
schöpferisch jeden Alltag in Fest. Auch er kennt freilich die Sehnsucht, seine Art
von Sehnsucht schließt jedoch die Erfüllbarkeit in sich, während die Sehnsucht des
(Neu)Romantikers ewig unerfüllbar bleibt. Wie einen neuen, festlichen Alltag, so
verkündigen die Lebensbejaher auch einen neuen Gott. Der ihnen oft gemachte Vor-
wurf der Religionslosigkeit ist in dieser Form unberechtigt; allerdings vertreten sie
eine ungewöhnliche Religiosität. Sie setzen eine Art Pantheismus gegen den Mate-
rialismus und wenden sich auch gegen das Christentum, insofern dieses die Natur,
das Natürliche bekämpft. Auch finden weder Schuld- noch Erlösungsbegriff noch
Mitleidsmoral in ihrer Religiosität Platz. Natur und Leben sind die Forderungen der
Lebensbejahung auch hier; es schwebt ihr als Ideal vor, Natur und Göttlichkeit zu
verbinden, Christentum und Griechentum zu vereinigen. Der „lachende Christus" und
ähnliches sind Symbole dieses Strebens.

In jedem der von der Verfasserin behandelten zwölf Fragenkreise wird es
immer von neuem deutlich, wie anders die Lebensbejahung weltanschaulich eingestellt
ist als einerseits Naturalismus, andrerseits Neuromantik. Sah der Naturalismus bei-
spielsweise die Gegenwartsgebundenheit des Menschen pessimistisch unter dem Ge-
sichtspunkt ewig unerfüllter Lebenssehnsucht bis zum Tode und erwartete er dem-
gemäß vom Tode erst die Erfüllung, so werten die Vertreter der Lebensbejahung die Ge-
genwartsgebundenheit durchaus optimistisch, indem ihnen das Leben selbst solche
Erfüllung ist. Neigte der Naturalismus, und ähnlich die Neuromantik, aus solchem
Lebensgefühl heraus in der Beurteilung etwa von Antike und Renaissance zu hyste-
risch überhöhten Sehnsuchtsbildern, so sieht die Lebensbejahung in Antike und
Renaissance Wesensähnlichkeit mit der eigenen Bewegung und hat ihre kindlich
naive Freude an diesen Zeiten gesteigerten Lebens, gesteigerter Natur. Wie schwach
ausgebildet das Lebensgefühl, das Wirklichkeitsbewußtsein des Naturalismus war,
zeigt auch seine Stellung zur Natur. Er hat gar kein Naturgefühl, wie denn seine
literarische Entdeckung ja gerade Großstadt und Großstadtmensch waren. Wo der
Naturalismus aber Natur geben wollte, da beschrieb er sie nach den atomistischen
Grundsätzen exakter Naturwissenschaft und dieser materialistischen Naturwissen-
schaft gemäß „seelenlos". Sein literarisches Verdienst war die Vernichtung konventio-
nell-sentimentaler Naturschilderung, aber er wußte nichts Positives an deren Stelle
zu setzen. Er machte damit jedoch freie Bahn für das neue Naturempfinden der Le-
bensbejahung. Die „Seelenlosigkeit" schwindet mit der positiven Wendung der Natur-
wissenschaft, die Dichter streben in dem Gefühl, Großstadt könne Heimat nur für
dekadente Menschen sein, wieder aus der Stadt aufs Land, und während nun die Neu-
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