Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

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den Unterbau der universalistischen Geistesrichtung der Goethezeit ab. Schon in der
Methode ist eine grundlegende Verwandtschaft zwischen Goethe und Sendling ver-
folgbar: beide betonen, von Fall zu Fall induktiv und deduktiv ohne Ausschließlich-
keit zu verfahren. Beide forschen nach der Einheit von Natur und Geist und wissen
sie mit der Freiheit der Persönlichkeit zu verbinden. Kein untersucht dann umsichtig
die Goetheschen Grundbegriffe: Urphänomen, Typus, Metamorphose, Polarität. Da-
mit ergibt sich die Möglichkeit, die Bedeutung der intellektuellen Anschauung bei
Goethe im Vergleich zu ihrer Gültigkeit bei Plotin, Spinoza und Schelling zu prüfen.

Nach diesen mehr vergleichend geschichtlichen Betrachtungen wendet sich Otto
Kein seinem Hauptgegenstand in den folgenden Teilen des umfänglichen Buches zu:
an sich den denkenden Künstler und Naturforscher Goethe mit dem künstlerisch
schaffenden und naturwissenschaftlich sich selbst belehrenden Denker Schelling zu
wechselseitiger Erhellung in Bezug zu setzen. Der ausgedehnte und eindringende
Abschnitt: „Die Grundpfeiler der Goetheschen Naturauffassung, Typus, Metamor-
phose, Polarität im Lichte der Schellingschen Philosophie" umschreibt (S. 139—265)
den ersten Teil dieser Untersuchungen. An ihn schließt sich als zweiter die prüfende
Verfolgung des „Organischen Gedankens" auf geistigem Gebiete, in Wissenschaft,
Geschichte, Staat und Kunst bei Goethe und Schelling" (S. 267—420). Beide werden
zusammengefaßt und vertieft durch die das ganze weitschichtige Buch abschließende
Betrachtung „Die ethisch-religiöse Problemstellung Goethes und Schellings"
(S. 421—509).

Auch Goethe ist mit einer Schellingschen Selbstkennzeichnung als Ideal-Realist
von dem Bestreben geleitet, Erfahrung und Idee zu einen. Wie für ihn ist für Schel-
ling Idee Identität des Allgemeinen und Besonderen. Goethe und Schelling verwerfen
eine ausschließlich kausale Forschungsweise. Beider Bemühungen richten sich über
die organische auch auf die anorganische Natur. Einssein mit der Natur ist für
Goethe wie für Schelling Urquell des ästhetisch-religiösen Gefühls und ihres denkeri-
schen Vorwärtsdringens. Der Grundgedanke Schellingschen Philosophierens: die
„lebendige Zweiheit in der Einheit" hat seine weitgehende Entsprechung in den
wissenschaftlichen Unternehmen Goethes gegenüber der organischen wie anorgani-
schen Natur. Beide Forscher eint eine „exaet sinnliche Phantasie". Goethes Lehre von
der Metamorphose mit ihren drei Phasen setzt ebenso Freiheit und Einheit wie die
Lehre von der (dreistufigen) Potenzierung in Schellings Naturphilosophie, wobei der
Philosoph strenger vorgeht und noch tiefer dringt als die weniger systematische
Weise Goethes. Der Dichter wie der Philosoph verfolgen ein durchgängiges „auf-
wärts" bei ihrem Forschen. Bei beiden spielt der Terminus „Weltseele" eine wichtige
Rolle. Deren jeweiligen Sinn stellt Kein eingehend dar und zieht Giordano Bruno
zum Vergleiche bei. Goethes Gedanken um „Polarität" klären sich mit der Lesung
Schellingscher Arbeiten. Goethes Lichtdeutung in der Farbenlehre findet bemerkens-
werte Entsprechungen bei Schelling. Auch im Wissenschaftlichen sehen beide das
organische Walten. Der Widerstreit von Glaube und Unglaube ist für Goethe Sinn
der Geschichte; für Schelling gibt es „nichts, das heiliger wäre als die Geschichte,
dieser große Spiegel des Weltgeistes, dieses ewige Gedichte des göttlichen Verstan-
des: nichts, das weniger die Berührung unreiner Hände vertrüge."

Schelling wie Goethe schauen die Veränderungen in der Geschichte organisch in
der Form einer Spirallinie und leugnen einen grenzenlosen Fortschritt. Für beide
bedeutet der Staat die organische Grundlage für die Persönlichkeit als innerlich sich
vollziehende Versöhnung des Individual- und Universalwillens. Über Kant hinaus
führt Goethes und Schellings Mühen um das Genie als das Irrationale und Dämo-
nische; beide geben dem „Schönen" die Zentralstellung in ihrem Weltbild. Kunst ist
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