Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

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die neuen Errungenschaften der Italiener eintraten. Vor allem gab es keine feind-
liche Bewegung gegen Polyphonie und Kontrapunkt. Geringstimmige Werke waren
hier, den Bedürfnissen von Schule und Kirche entsprechend, schon lange heimisch,
Bicinia und Trocinia lagen in bedeutenden Sammlungen von Rhan und Roten-
bucher vor. Ein wahrer Künstler in der Anpassung an alle Kapellverhältnisse und
alle Stilarten war der Wolfenbüttler Kapellmeister Michael Praetorius.

Doch das lese man in Adrios klarer und eindringlicher Darstellung nach. Seine
verständigen Analysen sind gute Wegbereiter. Nur wenn er in dem Venite sitientes
Monteverdis „den musikalischen Gehalt des ,venite' aus dem Bilde des körperlichen
,Kommens' etc." herauswachsen sieht, kann ich ihm nicht folgen. Das Buch als
Ganzes verdient Lob und Anerkennung.

Berlin. Johannes Wolf.

Hans Mersmann: Eine deutsche Musikgeschichte. Sanssouci-Ver-
lag, Potsdam 1934.

Das gut gedruckte, mit Notenbeispielen und Kunstblättern reichlich ausgestattete
Buch führt den Leser von der Urmusik des Altertums bis zur Singbewegung der
Gegenwart. Dieser Führung vertraut man sich gern an, weil man die Zuverlässigkeit
des Berichtes durchfühlt und von der zwar knappen, aber reifen Darstellung unmit-
telbar angesprochen wird. Natürlich ist das Buch nicht auf die ästhetische Proble-
matik zugeschnitten. Trotzdem kann auch unsere Wissenschaft Gewinn aus ihm
ziehen. Da finden wir z. B. die bildende Kunst zur Erläuterung der Musik benutzt.
Wenn von dem liturgischen Drama des 12. Jahrhunderts die Rede ist, so wird daran
erinnert, daß damals der steinerne Crucifixus durch die farbig bemalte Holzplastik
ersetzt wurde; es wird mit Vorsicht die Frage erörtert, ob, wo und wie die gotische
Baukunst sich in Musik umsetzt; aus den Umrissen der Stadt wird gleichsam die
städtische Musik abgeleitet, und überall werden bedachtsam gewählte Proben der
Dichtkunst eingestreut. Den Zusammenhang der musikalischen Harmonie mit der
dramatischen Handlung zeigt der Verf. an Händeis Julius Cäsar und später bei
Mozart. Kurz, die deutsche Musik erscheint vielfach in ihrer Verbindung mit den
andern Künsten. — Ein zweiter für die Kunstlehre wichtiger Punkt liegt im Lebens-
geschichtlichen. Mit guten Gründen spricht Mersmann bei Beethoven nicht viel vom
Leben, sondern läßt seine Person aus der Thematik emporwachsen, während er
Mozart biographisch behandelt; so macht er den Gestaltenunterschied etwa zwischen
der fünften Sinfonie und Mozarts Sonaten sehr sinnfällig. — Das Buch ist auch
unter den Gesichtspunkten der Ästhetik eigenartig und anregend; im ganzen be-
trachtet eine Musikgeschichte, die aus dem Vollen schöpft und mit Fülle beschenkt.

Berlin. Max Dessoir.

Ludwig W. Kahn: Shakespeares Sonette in Deutschland; Ver-
such einer literarischen Typologie. Gotthelf Verlag, Bern und Leipzig 1935.

In einer kurzen Einleitung gibt Kahn, dessen Untersuchung ohne Friedrich
Gundolfs „Shakespeare und der deutsche Geist" schwerlich denkbar ist, Rechenschaft
von seiner persönlichen Auffassung der Aufgabe, die sich in folgendem Satz zeigen
läßt: „Wenn einmal ein Übersetzer eine englische Vokabel mißversteht, so ist das
für die Gesamtleistung seiner Übersetzung und für die Charakteristik seines Stils
unwesentlich. Wenn aber ein Übersetzer durchgehend Shakespeares rhetorisches Pa-
thos in plattestes Alltags-Deutsch übersetzt und die großen Linien des Shakespeare-
schen Rhythmus zerbricht, so ist das sehr wichtig für den Stil des Übersetzers und
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