Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

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Im knappen Literaturverzeichnis würde man unter Grünewald gerne das kluge
Buch von Feurstein aufgenommen sehen.

Da der Nachdruck des Buches auf seinem Bilderteil liegt, so muß dieser einer
besonderen Besprechung unterzogen werden. Die Anordnung erfolgt nicht nach zeit-
lichem Ablauf, sondern nach stammesmäßigen Gruppen, man möchte sagen unter
Nadlerschen Gesichtspunkten. — Da das Bildermaterial in bezug auf Dürer im all-
gemeinen ja bekannt ist, so helfen hier lehrreiche Vergrößerungen von Bildausschnit-
ten, das Buch zu bereichern. Es ist z. B. ein besonderes Vergnügen, die Hände des
Apostelbildes mit den Händen von Grünewalds „Heiligem Laurentius" zu vergleichen.
Diese beiden Ausschnitte enthalten bedeutsame Erklärungen über die Spannweite
der deutschen Kunst. Aber es muß doch zur Frage gestellt werden, ob man in einer
Kunstgeschichte Ausschnitte aus einem Bilde (z. B. ein Kopf aus dem Rosenkranz-
fest) bringen soll, ohne das Ganze zu zeigen. Einem breiteren Kreis wird zum ersten
Male die Bellineske Dürermadonna der Sammlung Thyssen bekannt gemacht. Hier
interessiert vor allem ein Vergleich mit Altdorfers Madonna aus Berliner Privat-
besitz, die auf Dürers Marienbild zurückzugehen scheint. — In der Nachfolge
Dürers zeigt sich, daß die besten Leistungen auf dem Gebiet der Bildniskunst
liegen. Die Porträts Holbeins heben sich in ihrer „europäischen" Haltung um so
eigenartiger von den „deutschen" Köpfen eines Baidung oder Kulmbach ab. — Die
Donauschule kommt mit Ausnahme von Altdorfer notgedrungen ein wenig zu kurz,
weil sie ihr Köstlichstes in Graphik und Handzeichnungen gegeben hat. Man würde
sich deswegen gerne in dieser Kunstgeschichte einen ergänzenden Band „Deutsche
Graphik und Handzeichnung" wünschen. Im Gebiet der Landschaft zeigt sich die
deutsche Kunst der ersten Jahrhunderthälfte in herrlichster Schöpfungsfülle. In den
früheren Cranachbildern gelingt die Verschmelzung von Mensch und Landschaft
unter dem modernen Zeichen der „Stimmung". — Was dagegen die Bildkomposition
größerer Historiengemälde oder religiöser Szenen angeht, so zeigt sich, daß hier nur
die bedeutendsten unter den Zeitgenossen schöpferisch zu wirken vermochten. Oft
genug erscheint die Bildform matt.

Zu immer neuen Gedankenketten regt diese Kunstgeschichte ohne Worte an. Sie
verlangt Mitarbeit vom Leser, aber sie leitet ihn auch, indem sie ein kluggesichtetes
Material mit guten Abbildungen vorlegt.

Mills College, Californien. Alfred Neumeyer.
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