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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Cod. Pal. germ. 371: Ulrich von Zatzikhoven 'Lanzelet'

Der Autor

Der schreibende Ulrich von Zatzikhoven, Cpg 371, fol 2rDer Cod. Pal. germ. 371 ist eine der beiden vollständig erhaltenen Handschriften des satirischen Versromans „Lanzelet“. Als Autor dieses Werkes gibt sich im Epilog ein von zezichoue(n) volrich zu erkennen. Um wen es sich bei diesem Ulrich von Zatzikhoven handelt, ist unbekannt. Lange Zeit identifizierte man den Dichter mit dem 1214 urkundlich nachweisbaren Leutpriester von Lommis im Kanton Thurgau namens Uolricus de Cecinchouin. Vor allem in neuester Zeit wurde jedoch auch der Weiler Zizingen in der Gemeinde Auggen bei Neuenburg am Rhein als Heimat Ulrichs in Erwägung gezogen. Möglicherweise war Herzog Berthold V. von Zähringen sein Gönner und Auftraggeber.

Der Autor nennt seinen Namen und seine Quelle (Cpg 371, fol. 175r)Nach der Sprache des „Lanzelet“ zu urteilen, stammte Ulrich aus dem alemannischen Raum. Er selbst gibt an, daß es sich bei seiner Quelle um Das welsche buoch van lantzelet handele, welches er von einem gewissen Huc von Morville erhalten habe. Letzterer soll eine der Geiseln gewesen sein, die König Richard Löwenherz für seine Befreiung aus der Gefangenschaft Kaiser Heinrichs VI. stellen mußte. Stimmen diese Angaben, dürfte Ulrich über Verbindungen zum Hof der Staufer verfügt haben und der Roman selbst wohl um 1194/ 1195 entstanden sein.

Der Versroman "Lanzelet"

Lanzelots Auszug, Cpg 371, fol. 1vEr erzählt ironisierend Geschichte und Abenteuer des als Kind von einer Meerfee entführten Königssohns Lanzelot. Herangewachsen will jener seine ihm bisher verheimlichte Identität erfahren. Aber die Meerfee will ihm seinen eigenen und den Namen seiner Familie erst nennen, wenn er ihren Feind Iweret von Belforet besiegt hat. Lanzelot zieht aus, um sich dieser Aufgabe zu stellen. Fol. 1v zeigt diesen Auszug des Helden, der sich hier in Begleitung einiger Bewaffneter befindet und zudem – das Geschehen aktualisierend - noch das Straßburger Banner mit sich führt. In zwei Aventiuren gelingt es Lanzelot, jeweils Frau und Landesherrschaft zu erobern. Stets büßt er das Gewonnene jedoch wieder ein: Seine erste Frau, die Tochter des Galgandreiz, verläßt er, um seinen Namen zu erfahren. Ade von Limors, seine zweite Frau, verliert er durch den Zauber des Schatel le mort.Lanzelot gelangt zum Artushof, glänzt dort in einem dreitägigen Turnier, lehnt aber König Artus Einladung zu bleiben ab. Stattdessen zieht er weiter, um schließlich den Feind der Meerfee Iweret zu besiegen, dessen Tochter Iblis zu gewinnen und seinen Namen zu erfahren. Bei seiner Rückkehr an den Artushof kann er ferner Valerin besiegen, der Ansprüche auf Königin Ginover erhoben hatte. Durch diese Heldentat wird Lanzelot endlich zum Tafelritter. Seine Abenteuer sind jedoch noch nicht zu Ende. Wegen einer alten Demütigung zieht er nach Pluris, kann sich dort zwar rächen, gerät aber dennoch in Gefangenschaft. Die Tafelritter Walwein, Tristant, Erec und Karjet verhelfen ihm zur Flucht. Unterwegs erfahren die Gefährten von der Entführung Königin Ginovers durch Valerin, deren Befreiung verbunden mit weiteren Gefahren ebenfalls gelingt. Lanzelots letztes Abenteuer schließlich ist die Erlösung der wunderschönen Frau Elidia, die wegen valscher minne in einen Drachen verwandelt worden war. Lanzelot traut sich als einziger, den Drachen zu küssen, kann Elidia erlösen und endlich die Herrschaft in seinem eigenen Land antreten.

Die Schreiber

Wechsel der Schreiberhände (Cpg 371, fol. 82r) Der Cod. Pal. germ. 371 wird der sogenannten "Elsässischen Werkstatt von 1418" zugeordnet. Am Text arbeiteten zwei Schreiber, welche laut Schreiberspruch am 1. Februar 1420 mit ihrer Arbeit fertig waren.

Schreiberspruch und Datierung (Cpg 371, fol. 177v)Beide lassen sich möglicherweise auch in anderen Manuskripten nachweisen. So hat die erste Hand (fol. 2r-82r, Zeile 10) wohl einen heute in Gießen aufbewahrten Codex geschrieben und könnte vielleicht ebenso an der Abfassung des Cod. Pal. germ. 365 beteiligt gewesen sein. Die Zweite (fol. 82r, Zeile 11-177v) ist eventuell identisch mit Johannes Ziegler, dem zweiten Schreiber des Cod. Pal. germ. 144.

Die Illustrationen

Die Handschrift enthält nur zwei Illustrationen, die sich auf dem ersten Doppelblatt befinden. Dieses Blatt ist breiter als der restliche Buchblock. Auf fol. 1v sind, wo es einmal eingeschlagen war - am unteren Blattrand, links neben dem Hinterbein von Lanzelots Pferd, noch Spuren eines Knicks zu erkennen. Die Darstellungen des ausziehenden Ritters mit Gefolge und des an seinem Pult arbeitenden Schreibers sind außerdem relativ unspezifisch, so daß sie auch zur Illustrierung anderer Texte hätten dienen können. Vermutlich wurde das Blatt zunächst bewußt als illustriertes Einzelblatt, möglicherweise sogar auf Vorrat, geschaffen, um irgendeiner beliebigen Handschrift beigebunden zu werden. Dann entschloß man sich, die Illustration der ausziehenden Ritter dem Lanzelet-Manuskript beizugeben. Zu diesem Zweck wurde die Darstellung auf fol. 1v von einer zweiten Maler-Gruppe noch einmal bearbeitet und auf fol. 2r die Abbildung des schreibenden Ulrich von Zatzikhoven angebracht.

rote Kapitelüberschrift (Cpg 371, fol. 38v)Obwohl der Cod. Pal. germ. 371 außer diesen beiden Eingangsdarstellungen keine weiteren Miniaturen enthält, dürfte er doch nach einer illustrierten Handschrift des „Lanzelet“ entstanden sein. Denn er weist mehrzeilige, rote Kapitelüberschriften auf, die innerhalb der Werkstattgebräuche der "Elsässischen Werkstatt von 1418" sonst ausnahmslos vor Illustrationen verwendet wurden.

© Ulrike Spyra, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 09/2008

Literatur

  • Adelung, Nachrichten
    Adelung, Friedrich: Nachrichten von altdeutschen Gedichten, welche aus der Heidelbergischen Bibliothek in die Vatikanische gekommen sind. Nebst einem Verzeichnisse derselben und Auszügen, Königsberg 1796, S. 29.
  • Bartsch, Handschriften, 1887
    Bartsch, Karl: Die altdeutschen Handschriften der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg (Katalog der Handschriften der Universitätsbibliothek in Heidelberg 1), Heidelberg 1887, Nr. 198.
  • Combridge 1968
    Combridge, Rosemarie: The Problems of a New Edition of Ulrich von Zazikhoven`s ´Lanzelet`, in: Ganz, Peter F./ Schröder, Werner (Hrsg.): Probleme mittelalterlicher Überlieferung und Textkritik. Oxforder Colloquium 1966 (Publications /Institute of Germanic Studies, London), Berlin 1968.
  • Combridge 1993
    Combridge, Rosemary: Der 'Lanzelet' Ulrichs von Zatzikhoven im Kreuzfeuer der Editionsprinzipien, in: Bergmann, Rolf/ Gärtner, Kurt (Hrsg.): Methoden und Probleme der Edition mittelalterlicher deutscher Texte. Bamberger Fachtagung 26. - 29. Juni 1991, Plenumsreferate (Beihefte zu Editio 4), Tübingen 1993 S. 40-49.
  • Hahn, Lanzelet
    Hahn, Karl August (Hrsg.): Ulrich von Zatzikhoven, Lanzelet. Eine Erzählung. Mit einem Nachwort und einer Bibliographie von Frederick Norman (Deutsche Neudrucke. Texte des Mittelalters), Berlin 1965 (Nachdruck der Ausgabe Frankfurt/M. 1845).
  • Heusinger, Studien, 1953
    Heusinger, Christan von: Studien zur oberrheinischen Buchmalerei und Graphik im Spätmittelalter, Diss. Freiburg i. Br. o. J. (1953), S. 23ff.
  • Kautzsch, Rudolf: Notiz über einige elsässische Bilderhandschriften aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts, in: Philologische Studien. Festgabe für Eduard Sievers zum 1. Oktober 1896, Halle 1896, S. 187-293.
  • Killy, Literaturlexikon Bd. 11, S. 483-485 (Christoph Huber)
    Huber, Christoph, in: Killy, Walther (Hrsg.): Literaturlexikon, Autoren und Werke deutscher Sprache, Gütersloh 1988ff., Bd. 11, S. 483-485.
  • VL (2) Bd. 10, Sp. 61-68 (Sigle P) (Isolde Neugart)
    Neugart, Isolde, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite völlig neu bearbeitete Auflage, Berlin/ New York 1978ff. (VL2), Bd. 10, Sp. 61-68.
  • Peters 2000
    Peters, Ursula: Autorbilder in volkssprachigen Handschriften des Mittelalters. Eine Problemskizze, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 119, 2000, S. 321-368.
  • Richter, Lanzelet, 1934
    Richter, Werner: Der Lanzelet des Ulrich von Zatzikhoven (Deutsche Forschungen 27), Frankfurt/M. 1943.
  • Saurma-Jeltsch, Neuzeitliches, 1994
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte Esther: Neuzeitliches in einer mittelalterlichen Gattung. Zum Wandel der illustrierten Handschrift, in: Zentrum zur Erforschung der frühen Neuzeit der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main (Hrsg.): Hours in a Library. Mitteilungen, Beiheft 1, 1994, S. 70-112, bes. S. 78 und 102.
  • Saurma-Jeltsch, Bilderhandschriften
    Saurma-Jeltsch, Lieselotte E.: Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Wiesbaden 2001, Bd. 1, S. 12f., Bd. 2, S. 69f., Nr. 47, Abb. 15-16 (Bll. 1v/ 2r).
  • Spiewok, Lanzelet
    Spiewok, Wolfgang (Übers.): Ulrich von Zatzikhoven. Lanzelet mittelhochdeutsch/neuhochdeutsch (Greifswalder Beiträge zum Mittelalter 58; Serie 1: Wodan 71, Texte des Mittelalters 16), Greifswald 1997.
  • Wegener 1927
    Wegener, Hans: Beschreibendes Verzeichnis der deutschen Bilder-Handschriften des späten Mittelalters in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek, Leipzig 1927, S. 18f., Abb. 18 (Bl. 2r).
  • Wilken 1817
    Wilken, Friedrich: Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergischen Büchersammlungen. Nebst einem Verzeichniß der aus der pfaelzischen Bibliothek im Vatican an die Universität Heidelberg zurückgegebenen Handschriften, Heidelberg 1817, S. 450f.