Fliegende Blätter — 40.1864 (Nr. 965-990)

Seite: 33
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Die Weissagung der Zigeunerin.

(Schluß.)

Dort aber verlöscht allmälig Licht um Licht, endlich ist
Alles dunkel, Alles schläft, und die Sterne schauen ruhig nieder
auf friedliche schlummernde Hütten. Da rauscht cs leise in den
Zweigen, als ob ein flüchtiger Windhauch die Blatter be-
wegte, eine hohe Gestalt wächst im Dunkeln empor. Vor-
sichtig lauscht der Indianer, es ist Alles, Alles still. Da
ertönt der Ruf des Spottvogels durch die Stille der Nacht,
von drüben her antwortet dem Ruf ein zweiter. Wieder eine
lange Stille. Jetzt der grelle Schrei des Habichts, und nun
rauscht und rasselt es leise in den Büschen von allen Seiten

her. Jetzt ein neuer Vogelschrei, eine Flamme lodert auf,
Fackeln entzünden sich, und mit einem Geheul, als wären
alle Geister der Hölle losgelassen, springt und stürzt es aus
allen Gebüschen, dunkle behende Gestalten springen über Zaun
und Pfahlwerk, der Tomahawk schwirrt durch die Luft; jetzt
ein Krachen und Brechen, Thüren und Fenster werden ein-
geschlagen, die Hütten werden hell, jetzt lautes Angstgeschrei
mitten durch das Geheul der Wilden, ein Schuß, noch einer,
neues Kreischen und Schreien, dann wird es wieder still. Die
Wilden drinnen sind über entsetzlicher Blutarbcit her. Jetzt
erscheint in der Thüre des Hauses die siegestrunkene Gestalt
des Häuptlings; manch blutender Scalp ziert den Gürtel,
hier das weiße Haar des Greises, daneben die blonden Locken
des Kindes und die langen Flechten des Weibes. Sie haben
sich nicht viel Zeit genommen Beute zu machen, diese Men-
schenschlächter, denen die Kopfhaut eines Erschlagenen die
liebste Beute ist, einige Truhen sind aufgerissen worden, man-
cherlei Schmucksachen tragen sie heraus, der Häuptling hat
unter Anderem auch Nazi's Zeichenbuch ergriffen. Aus Thü-
ren und Fenstern quillt jetzt die Schaar der dunklen Mörder
heraus, drinnen im stillen Hause wird es heller und heller,
jetzt bricht ein dicker, qualmender Rauch durch die Fcnster-
öffnungen, jetzt aus dem Dache und hoch steigt die Flammcn-
säule in die dunkle Nacht hinaus. Die Mvrderbande ist
verschwunden jählings, wie sie gekommen. Einsam ist die
Flur beleuchtet von den grellen Flammen der brennenden
Hütten, ein lautes Knistern und Wehen der Lohe schallt durch
die Nacht, krachend stürzen die verkohlten Dächer zusammen,
und aus der Gluth steigt eine volle Funkengarbe hoch hin-
auf. Als aber der Morgen prangend und klar aussteigt, liegt
die Ansiedelung ein rauchender Aschcnhaufcu, der alle seine
Bewohner begraben hat unter glühenden Trümmern.
Objekt
Titel: Fliegende Blätter
Detail/Element: "Die Weissagung der Zigeunerin"
Inv.Nr./Signatur: G 5442-2 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg 
Schlagwort: Häuptling <Motiv> 
Zeichnung <Motiv> 
Kinderzeichnung 
Tauschhandel 
Missverständnis 
Karikatur 
Maler 
Verkauf 
Buch <Motiv> 
Reisender <Motiv> 
Zelt <Motiv> 
Satirische Zeitschrift 
Speer 
Schlagwort Liste: Amerika
Franzosen <Motiv>
Indianer <Motiv>
Herstellungsort: München 
Bildnachweis: Fliegende Blätter, 40.1864, Nr. 969, S. 33
Aufnahme/Reproduktion
HeidICON-Pool: UB Fliegende Blätter 
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Bild-ID HeidIcon: 144640
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