Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 6.1890-1891

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Iveihnachtsbncherschau. Dom Herausgeber — Personal- und Ateliernachrichten

Heimivürks. von w. Kray

Zinkograpb. Nachb. d. Phototspie „vom Lrdenthal ins hininlclreich"
(Steh- S. 7-V

vollen Kopf zugleich den Eindruck, das; dieser Mann fest ent-
schlossen ist, seiner großen Vorgänger nicht unwürdig zu bleiben,
vielmehr dem Zeitalter seinen Stempel aufzudrückcn. Der Gesichts-
ausdruck bekommt dadurch etwas Geheimnisvolles, fast Drohendes,
das durch die trotzige, feste Haltung der Figur noch verstärkt wird.
Jedenfalls hat A. v. Werner auch hier wieder sein Talent rücksichts-
loser Wahrheit glänzend bewiesen, wenn er uns da auch offenbar
keinen Kaiser gab, wie sich ihn Damen oder Sozialdemokraten
wünschen mögen.

(Die Fortsetzung im nächsten Heft)

Personal- und Akrlirrnachrichken

— Krakau. Die Hoffnung der hiesigen Künstlerschast,
das; es gelingen werde, Jan Males ko zu bewegen, Leiter der
Malakademie zu bleiben, scheint nicht in Erfüllung zu gehen.
Man bemüht sich jetzt, Siemiradzki für die durch JanMatejkos
Rücktritt erledigte Stelle eines Direktors der Krakauer Malschule
zu gewinnen, nachdem Joseph Brandt abgelehnt hall In
anbetracht der etwas zerfahrenen Zustände an dieser Kunstschule
befürchtet man aber, das; auch Siemiradzki sich nicht entschließen
wird, die Leitung derselben zu übernehmen.

— München. Die Akademie der bildenden Künste hat zu
Ehrenmitgliedern erwählt: Maler Hans v. Bartels, Prof. August
Fink, Johann Hirt, Professor Alfred Kowalski-Wierusz, Professor
Karl Seiler, Professor Frist v. Uhde, sämtlich in München, Robert
Hang in Stuttgart, Baurät Paul Wallot in Berlin, Hans Thoma
in Frankfurt a. M., Professor William Unger in Wien, Carolus
Duran in Paris, Fritz Thaulow (auS Christian!«) in Paris,
James Guthrie in Glasgow, R. Walk. Macbeth in London,
W. Ouleß in London, John Robertfon Neid in London, Hamo
Thornycroft in London und Professor Joseph Kopf in Rom.

— München. Dem Maler Karl Marr ist der
Titel Professor, und Professor Spies der Michaelsorden verliehen
worden.

— München. Die Entscheidung für die Ausführung des
Altarbildes in Teitelbach ist gefallen. Zur Ausführung begut-
achtet wurde die Skizze eines noch jungen, talentvollen Künstlers,
L. W. Heupel, eines Schülers von Liezen-Mayer.

v. Kaspar Zumbusch. Zu seinem 60. Geburtstage
am 23. Nov. Daß cs ganz und gar nicht unerläßlich ist, einer
strengen akademischen Schulung zu genießen, beweisen uns eine
Menge Meister selbst in der Kunst, die derselben am Wenigstei;
entbehren zu können scheint: der Bildhauerei. So Hähnel, Knabl,
Wagmüller und unser Zumbusch, welcher achtzehnjährig als voll-
kommener Autodidakt nach München und in Halbigs Atelier kam.
Ein schlechteres Vorbild hätte er gewiß nicht finden können, als
diesen Fabrikanten. Dennoch wußte er, die westfälische angeborne
Klugheit mit einer einnehmenden Persönlichkeit vereinigend, bald
emporzukommen und durch gelungene Arbeiten sogar einen Be-
schützer zu finden, der ihn 1858 Italien besuchen ließ. Zurück-
gekehrt, ward er 1860 erst bei der Frauenkirche, dann zugleich mit
Wagmüller am Nationalmuseum beschäftigt. Dabei zeichnete er sich so
aus, daß ihm das erste öffentliche Monument, die Figur des Grafe»
Rumford übertragen ward. Dieselbe fiel so glücklich aus, daß von
da an sein Ruf in München festgestellt war, wie sie denn auch,
scharfe Charakteristik mit großer Formauffassung vereinigend, bis
heute neben Rauchs Max Joseph und Wagmüllcrs Liebig das
beste Standbild auf den Münchener Plätzen geblieben ist. Noch
mehr Vorschub leisteten ihm freilich seine vortrefflichen, die feinste
Auffassung des Charakters mit großer Natürlichkeit vereinigenden
Büsten, so die König Ludwig II., Richard Wagners, Liszts, Franz
Löhers u. a., die ihm zugleich eifrige Beschützer erwarebn. Ihnen
ließ er eine Anzahl vortrefflicher Figuren aus Wagnerschen Lpcrn
folgen. So kam es, daß er zur Konkurrenz um das König Max
zu errichtende große Denkmal miteingeladen ward. In der Wett-
bewerbung mit Hähnel, Schilling und Begas trug sein Modell
den Sieg davon. Dies veranlaßt ihn zu einer nochmaligen Reise
nach Italien 1867, der dann noch vor der Vollendung seines
Monumentes die Berufung nach Wien 1872 folgte. Sie hat nicht
günstig auf dasselbe eingewirkt, der Künstler fand ihrethalb nicht
mehr die Ruhe zur Durchbildung. Um so besser gelangen ihm das
Grabdenkmal einer Frau von Frauenhofen und ein Siegesdenk-
mal für Augsburg. Sie alle verdunkelte er indes bald durch
sein in Wien 1878 vollendetes großes Beethoven-Monument, wo
die Auffassung des großen Tondichters selber ebenso schwungvoll ist, als
die der beiden dessen Musik charakterisierenden Figuren des gefesselten
Prometheus und der Poesie am Sockel. Der nunmehr mit Arbeiten
überhäufte Künstler trat bald darauf auch in die Konkurrenz uni das
große Maria Theresia-Denkmal ein und ging aus derselben abermals
als Sieger hervor. Die riesige Arbeit hat ihn denn eine lange
Reihe von Jahren beschäftigt. Lehnt sich die Komposition unläug-
bar an die des Rauchschen Friedrich-Denkmals an, ohne doch
dessen charaktervolle Strenge zu erreichen, so ist sie dafür weit
reicher, obwohl die Kaiserin selbstverständlich nicht reitend, sondern
auf dem Tkrone sitzend, dargestellt ist. Bereitete hier dem Künstler
das Zeitkostüm fast unüberwindliche Schwierigkeiten, so sind so-
wohl die Österreich damals zierenden Männer am Sockel, als die
vier Reiterfiguren der Feldherren an den Ecken um so besser ge-
lungen, wie die dekorative Wirkung des prachtvollen Ganzen über-
haupt. Seither ist der Künstler mit einein Radetzky-Denkmal be-
schäftigt, nachdem er noch viele andre monumentale Arbeiten, so
die große. Reiterfigur Rudolfs von Habsburg an; Rathause, voll-
lendet. —- In der großen Bewegung unsrer Kunst von; Klassi-
zismus der älteren Berliner und Dresdener Schule bis zum
Naturalismus oder Zopf der neueren nimmt Zumbusch eine ver-
mittelnde Stellung ein. Lebendiger und das Stoffliche entschiedener
zu malerischen Kontrasten benützend als die Vorgänger, geht er
in der sogenannten malerischen Behandlung doch nie so weit, als
die Begas, Weyr oder Tilgner, wenn er auch wenig Einfluß der
Antike zeigt und weit entfernt ist von der Strenge und Gewissen-
haftigkeit seines Kollegen Kundmann, oder Wehrs Meisterschaft in
Behandlung des Nackten. Dafür hat er auch eine ausgesprochenere
Persönlichkeit in seinen Werken, die sehr leicht von denen andrer
wegzukennen sind, sowohl durch den großen freien Zug, wie das
starke Lebensgefühl, das sie aussprechen, und den Reichtum seiner
Erfindung und Gestaltungskraft. Auf der Höhe des Lebens an-
gelangt, kann der Meister jetzt auf eine selten reiche Thätigkeit
zurückblicken und wohl das Verdienst für sich beanspruchen, den
Schatz unsrer Kunst um eine Reihe glänzender Leistungen be-
reichert zu haben.
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