Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 6.1890-1891

Seite: 113
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VI. Jahrgang. Heft 8

iff. Januar 1891

„Tie Kunst für Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag geh. Abonnementspreis im
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(6 Hefte); das einzelne Heft 75 Pf.

Albert D n 11 a i s

von Gtto Brandes

uf einem der höchsten Punkte des Montmartre, in der Nähe der nimmer
^ fertig werdenden Sacrs-Coeur Kirche, liegt ein mit Bäumen bestandenes,
weit sich erstreckendes Gartenterrain, in welches hier und da Gebäude ein-
gesprengt sind, die sich durch die großen Glasscheiben, die nach gewissen
Prinzipien zngezogenen Gardinen schon oon weitem als Künstlerheimstätten
verraten. Hart am Rande dieses Plateaus, von allerhand Bäumen,
Stränchern und Zierpflanzen in malerischem Durcheinander umgeben, steht
das aus Eisenkonstruktion hergestellte geräumige Atelier des Malers Albert
Hynais. Es war an einem der letzten Oktobertage, als ich nicht mühelos
mich hier heranfgesnnden, um des Künstlers persönliche Bekanntschaft zu
machen. Draußen war es frostig und trübe, eine Landschaft grau in grau.
Von diesem weltverlorenen Plätzchen blickte man hinunter auf das Pariser
Häusermeer, um das die Nebel wogten, sich ballten und wieder zerflossen.
Dumpf drang das Sausen und Brausen der ewig webenden, nimmer
rastenden Weltstadt in diese Einsamkeit hinauf. Wer hier oben schafft und
arbeitet, sagte ich mir, dem muß ein Hang nach innerer Vertiefung eigen,
der muß eine starke, selbständige künstlerische Natur sein, der macht dem
schwankenden Geschmacke der Welt keine Konzessionen. Hier oben kann kein
lüunstboudoir stehen, wie sie der Park Moneean und seine Umgebung aus-
zuweisen hat. Hier rauschen keine seidenen Schleppen über mollige Smyrna-
teppiche, hierher verirren sich nicht die Dämchen mit den langgestielten Schildpattlorgnetten und den noch
langstieligeren Kunsturteilen, hier durchschwirrt nicht der zitternde, in unsteten Linien sich brechende Fledermaus-
flug einer Astermnse die Lust, sondern hier muß der Genius der Kunst in vollen Flügclschlügen schweben. Ob
ich mit diesen Gedanken wohl recht behalten werde, fragte ich mich im stillen, als ich mich dem Pförtchen des
Hynaisschen Ateliers näherte? Ich wollte die Hand nach der Klingel ansstrecken, da sah ich vor mir einen
Mann in der Vollkraft der Jahre, den Kopf mit einem weichen Filzhut bedeckt, den Körper vor der feucht-
kalten Lust durch einen Gummimantel geschützt, die Füße in Holzschuhen steckend, im Freien vor einer Staffelei
nach der Natur an einem ephennmrankten Gitter malen, an welches sich schlanke Malven mit dunkelroten
Blüten, „die letzten Kinder der verwaisten Flur", schmiegten. Es war Hynais, eine gedrungene markige Er-
scheinung. Er wandte den Kopf, als ich näher trat, etwas verwundert zu mir, bis ich ihm Name und Begehr
nannte. „Lassen Sie mich gerade noch das letzte Licht benutzen", sagte er mir. „Noch ein paar Pinselstriche und
ich bin zu Ihrer Verfügung." Ich trat inzwischen in das geräumige, schmucklose, aber lichtdurchslutete Atelier,
wo mir ein junger Tscheche, der in München studiert hat und heute unter Hynais' Leitung arbeitet, die
Honneurs machte.

Auf einer Staffelet stand das vollendete Bild eines feisten Herrn von etwas brutalem, aber charakter-
vollem Aussehen. Im ersten Augenblicke war ich zweifelhaft, ob das Bild wirklich ein Werk Hynais' war,

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