Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen [Editor]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 37.1912

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G. RODENWALDT

Analogie zahlreicher minoischer Monumente am ehesten für
einen grossen Altarbau erklären, die Stufen vor ihm für
einen altarartigen Untersatz. Die Votivgaben lassen keine
bindenden Schlüsse zu; was der erste Mann trägt, ist unge-
wiss; sehr unwahrscheinlich ist eine Barke, die in Kreta, wo
es keine befahrbaren Flüsse gibt, wenig sinnvoll wäre. So
können für die Deutung nur die zwei Eigentümlichkeiten in
Betracht kommen, die die fragliche Gestalt von den anderen
unterscheiden, die Kleinheit und die Einhüllung der Arme
in das Gewand. Die erste ist bei einem Toten, sei es bei sei-
nem Leichnam, sei es bei seiner sichtbar gewordenen Psyche1,
ganz unverständlich, dagegen möglich bei einer im Typus
des Kultbildes dargestellten Gottheit2. Für die zweite gibt
es nur eine Parallele, und zwar auf einer kretischen Gemme,
die eine in das gleiche Gewand gehüllte Figur zwischen zwei
antithetischen Löwen auf einem Löwenkopfe sitzend zeigt3.
Hier ist keine andere Interpretation als die auf eine Gottheit
möglich. Wenn wir auch die Gestalt auf dem Sarkophage
als Gottheit deuten, so fügt sie sich zwanglos in den Vor-
stellungskreis des Monuments und in die Typik minoischer
Kultdarstellungen ein.
Athen. Gerhart Rodenwaldt.

1 Bei den Eidola der klassischen Kunst, auf die v. Duhn (Arch. f. R.
1909, 1 80) hinweist, ist gerade die winzige Kleinheit im Gegensatz zur Grösse
des Körpers das Wesentliche der Vorstellung, deren rationalistisch geneti-
scher Erklärung durch v. Dulin ich mich nicht anschliessen kann.
5 Sehr viel kleiner als der adorierende Mann ist auch die Göttin auf
dem Berge BSA. VII 29, Fig. 9, doch wohl auch die vor ihrem Altar er-
scheinende Gottheit. Doch könnten hier auch perspectivische Vorstellun-
gen mitwirken.
3 Evans, JHS. 1901, 164 f., Fig. 45; Milani, Studi e Mat. II 1 Fig. 98;
Karo, Arch. f. Rel. 1904, 151 f., Fig. 35.
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