Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 4.1970

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Die Jahre 1900—1918
in der bildenden Kunst der Slowakei

MARIAN VÁROSS

1. Das gesellschaftliche ïind künstlerische Milieu.
Der Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde
aus mehreren Gründen zu einem periodisierenden
Meilenstein in der wirtschafts-politischen Ge-
schichte unseres Landes. Dies wurde in der Ent-
wicklung der Industrie, in den Änderungen in der
Landwirtschaft, im Entstehen und Anwachsen
der Monopole, in der neuen Organisation und
Kompetenz des Finanzkapitals sichtbar; was
wieder mit einer neuen Situation auf dem Gebiet
der gesellschaftlichen Beziehungen, der Versteifung
der sozialen Gegensätze und der Vertiefung einer
organisierten revolutionären Bewegung zusam-
menhängt. Auf ideologischem Gebiete kommt es
zu einer Differenzierung und Steigerung im Schosse
der einzelnen ideologischen Lager, und zwar
in dem durch Klassenbewusstsein, so wie auch je-
nem, das durch seinen nationalen Charakter
gekennzeichnet war.
Die Wiederspiegelung dieser breiteren gesell-
schaftlichen Bedingungen im Zusammenhang mit
der gesellschaftlichen Zusammensetzung äussert
sich in den qualitativen Änderungen der gesamten
Situation in der Slowakei. Zu den grundlegenden
Änderungen gehört die gesteigerte Aktualität der
sozialen und nationalen Fragen. Der Klassen-
kampf, wie auch der nationale Kampf gelangen
in eine neue Etappe. Die Tatsache, dass die slo-
wakische Nation, die sich in ihrem politischen
Bewusstsein im Prozess der nationalen Wieder-
geburt des 19. Jahrhunderts konstituierte, keine
Eigenstaatlichkeit bcsass und um ihre Rechte im
Rahmen des ungarischen Staatsgebildes kämpfte,
hatte zur logischen Folge, dass Klassen und natio-
nalistische Elemente in den slowakischen gesell-

schaftlichen Bewegungen vereint waren. Präziser
könnte man sogar sagen, dass das revolutionäre
Element des Klassenkampfes in den meisten
Fällen durch das vorherrschende Element des
nationalen Wiederstandes aufgelöst wurde. „Gegen
die Magyaren“ wurde lange Zeit als Synonymum
des Kampfes ..gegen die Obrigkeit“ verstanden.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde diese
Konzeption jedoch schon als überlebt empfunden.
Man gelangt zu einer gewissen „Spezialisierung“
der politisch-ideologischen Programme, die sich
auf verschiedene Sparten der gesellschaftlichen
Problematik einstellen. Diese Tatsache lässt sich
auch dadurch illustrieren, dass zu der bestehenden
Slowakischen nationalen Partei auch die Slowa-
kische sozialdemokratische Partei hinzutritt.
Zu diesen politischen und slowakisch nationalen
Organisationen muss man noch die ungarischen
Regierungs- und Oppositionsparteien und die
mit diesen zusammenhängenden gesellschaftlich-
kulturellen Organisationen hinzurechnen, was die
Zusammensetzung der ideellen Situation der Slo-
wakei vor dem Umsturz (1918) bedeutend kom-
pliziert. Es ist notwendig diese Umstände deshalb
anzuführen, weil sie den natürlichen gesellschaftli-
chen Hintergrund und Nährboden für die bildende
Kunst bilden und ihre innere Gliederung bedingen.
Es entstand deshalb in der Slowakei auch nach
dem Jahr 1900 kein einheitliches künstlerisches
Milieu und es konnte auch keines entstehen. Auch
in dieser Zeitspanne blieb die ehemalige natürliche
Zersplitterung der bildenden Kunst in regionale
Zentren ausklingend erhalten. Diese Zentren
verlieren zwar schrittweise ihre lokale Abgeschlos-

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