Bernoulli, Johann Jacob
Römische Ikonographie (Band 2,1): Die Bildnisse der römischen Kaiser: Das julisch-claudische Kaiserhaus — Berlin, 1886

Page: 120
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120 Octavia.

Schädel sind die Haare nicht angegeben, sondern wie von einer
glatten Haube bedeckt. — Da mir die Publikation Chabouillet's nicht
zur Hand ist, so weiss ich nicht, was für spezielle Gründe für Octavia
angeführt werden. Es wird aber schwerlich etwas Anderes sein als
die Uebereinstimmung mit dem Typus der Cistophorenmünzen und
die angebliche Aehnlichkeit mit Augustus. Die erstere ist, was die
Haartracht betrifft, entschieden vorhanden und erstreckt sich nun
ebenso entschieden auf den aureus van Quelen. Aber genau genom-
men nur die Uebereinstimmung der Haartracht; die Gesichtszüge
haben nichts Solidarisches, weder unter sich noch im Verhältnis zu
Augustus. Und so hätten wir schliesslich, selbst wenn die von Sallet
behauptete Octaviabedeutung des aureus erwiesen wäre, doch nur
einen recht schwach beglaubigten Octaviakopf. Die Benennung hat
jedoch insofern eine gewisse Wahrscheinlichkeit, als es dem seltenen
Material nach offenbar kein gewöhnliches Privatporträt ist, von den
beiden beim aureus in Frage kommenden Personen aber Fulvia so
ziemlich ausser Betracht fällt. Und wenn man dafür die Alternative
Octavia-Livia aufwerfen wollte, so muss man sagen, dass Mund und
Wangen dem Bildnis der Livia nicht besonders conform (vgl. p. 104 Nr. 13).

Neuerdings hat de Witte auch noch ein durch Grösse und durch
Vorzüglichkeit der Arbeit ausgezeichnetes Gemmenbildnis aus dem
Besitz desselben Barons Roger, bei dem sich früher der Basaltkopf
befand, als Octavia publiciert (in der Gaz. arckeol. I. pl. 31). Es stellt
eine junge Dame nach rechts mit zierlicher, über der Stirn vorspringen-
der Scbeitelflechte und abwärts stehendem rundlichem Nackenknauf
dar; in der Person höchst wahrscheinlich identisch mit dem noch
grösseren und in der Arbeit kaum zurückstehenden Kopf nach links
auf einem Stein der niederländischen Sammlung, sowie mit dem
einer Nott'sehen Glaspaste, wo nur das Profil oberwärts hässlich
zurückweicht, vermutlich in Folge eines Fehlers des Steins, welcher
der Paste zum Abdruck gedient hat1.

Dass es sich bei diesem Typus um ein Bildnis des augusteischen
Zeitalters und wahrscheinlich um ein Glied der kaiserlichen Familie
handelt, wird Niemand in Abrede stellen. Aber auch hier stehen der
Schwester des Augustus, wenn nicht noch Andere, so doch dessen
Gemahlin und Tochter als Rivalen zur Seite. Für Livia spräche die
nahe Verwandtschaft mit den sie darstellenden Wiener und Floren-
tiner Gemmen (pag. 94, b. c.); für Julia der Charakter der Jugend-
lichkeit und der in der künstlichen Frisur sich äussernden Koketterie.

1 Ueber alle 3 vgl. oben p. 105. g. Der Kopf der CHaspaste figuriert bei
Lenormant (Icon. rom. V. 7) als Livia, bei Cades (V. 472) als Sabina.
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