Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 39.1904

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. ſchon wissen, gefunden.

Mitgift heimführt, der ſucht den Tod nicht. Aber
~ da gäbe es allenfalls noch immer eine Lücke,
meinen Sie. Es gibt jedoch keine Lücke. Das Um-
wechſeln der Wertpapiere, welche Lansky bei ſich
gehabt hat, füllt diese Lücke aus. Ein Mord allein
wäre rätſelhaft gewesen. Der Raub, der da begangen
worden iſt, klärt das Rätsel auf. Doch nehmen wir an:
ihr wolltet es beim Raub bewenden lassen, ihr habt
die Eheleute nur betäuben wollen, denn es geht ja
nicht leicht einer mit der Abſicht zu morden nm,
wenn es mit einem Raube abgetan werden kann.
Allein es geht eben nicht immer so glatt ab, als
man möchte. Lansky wird einfach zu früh erwacht
sein, auf Kampf und Gegenwehr durftet ihr es nicht
ankommen lassen, da habt ihr den noch Halbbetäubten
eben hinausgeworfen. Das ist ja auch viel rein-
licher, als Blut zu vergießen. ~ Ah, mein lieber
Rank, bei den belangloseſten Handlungen kommt
zuweilen ganz Unerwartetes vor. Wer kann immer
sagen, warum etwas gerade sſo und so gesſchehen iſt.
Es ist genug, wenn man weiß, daß es geschehen iſt.“

„Daß es geschehen iſt!“ wiederholte Rank, starr
vor sich hinſehend, dann fuhr er sich durch die Haare
und lachte laut auf.

„Und dann die Brieftaſche,“ sagte der Staats-
anwalt, „Lanskys Brieftasche, die man, freilich schon
geleert, in Ihrem Besitze fand.“ Er legte bei diesen
Worten den erwähnten Gegenstand, den er aus einer
der Schreibtiſchladen genommen, vor Rant hin.

Der Schanſpieler lachte wieder rauh auf und
ballte die Hände. „Diese verwünſchte Brieftasche !“
murmelte er zwischen geschloſſenen Hähnen. Und
dann war er plötlich wieder ruhig und sagte mit
einem schmerzlichen Lächeln: „Diese Brieftasche iſt
das Tüzpferl auf dem i. Herr Staatsampnalt, ich
muß zugeben, es stimmt alles!“

„Sogar auffallend!“ ergänzte der Beamte seelen-
ruhig. „Jetzt möcht! ich nur wifsen, warum Sie
noch immer leugnen? Der Ermordete ist, wie Sie
Daß er beraubt wnrde,
iſt auch erwiesen. Alles weist, wie Sie ſelber zu-
geben müssen, auf Sie als auf einen der Täter hin,
und Sie haben doch immer noch die Marotte, rein
wie eine Lilie daftehen zu wollen! Wenn das nicht
geradezu kindiſch iſt, ſo “

„Ja, es iſt kindiſch!“ sagte sehr ernſt der Ge-
sangene. „Aber trotzdem alles gegen mich ſpricht,
bin ich doch unschuldig !“

u „Gehn's zu!“ Jegtt lachte Herr v. Rohn ärger-
ich.

„So wahr Golt.. . /

„Sie, den lieben Gott lassen Sie freundlichst aus
dem Spiel.“

„Und er wird mir doch helfen!“

„Hoffentlicht Er wird Sie früher oder später
zur Reue führen.“

„Was zu bereuen iſt, das habe ich bereits bitter
bereut. Aber leider kann ich es nicht mehr ändern."

„Nein, die Toten stehen nicht mehr auf.“

Da blitzte es in Ranks Augen plötzlich auf.
Tiefe Blässe und beängstigendes Rot wechselten auf
ſeinen Wangen, und jeder Muskel seines Geſichtes
war geſpannt. Rohn ſah es ganz deutlich, daß des
Schauſpielers Stirne, ja sein ganzes Gesicht, wie
mit Tauperlen besät war, und daß es keine Komödie
ſein konnte, wenn er sich mit dem Taſchentuch über
die Stirne und die Wangen ſrtrich.

Was für eine mächtige Erregung trug wohl
daran die Schuld?

Dieſe Erregung teilte sich auch dem Staats-
anwalt mit. Er stand auf und legte ſeine Hand
auf des jungen Mannes Achsel. „Rank,“ sagte er
eindringlich, „reden Sie ſich die Last, die Sie ja so
ſichtlich bedrückt, von der Seele. Gestehen Sie offen
hren Anteil an der Schuld, Sie werden die Milde
JIhrer Richter damit erkaufen. Nennen Sie uns den,
der Jhr Helfer war oder deſſen Helfer Sie waren,
auf daß der Gerechtigkeit ihr Recht werde.“

Wie es in Ranks Zügen arbeitete! Wie sein ganzer
Körper geschüttelt wurde, wie unheimlich seine Augen
glänzten und wie er die Lippen aufeinanderpressen
mußte, damit die Gedanken, welche jett seinen Kopf
tete nicht den Weg über die Zunge finden
onnten!

. „Rank! Um der Redchtlichkeit willen, die ja noch
nicht erſtorben iſt in Jhnen, reden Sie! Sie haben
Gott angerufen. Er hat Sie erschüttert. Laſſen
Sie dieſe Stunde nicht ungenütztt vorübergehen.
J ch kann Ihnen dann ein milder Ankläger, und die
Gut huen! können dem Renuigen milde Richter
ein /

Rohns Stimme war dplötzlich kühl geworden.
Den letten Satz hatte er wohl nur der Ordnung
wegen vollendet. Sein Herz, sein gutes, warmes
Herz hatte da nicht mehr mitgeredet. Und er wäre
einfach ſchwach gewesen, wenn ſich jetzt sein Be-
nehmen nicht geändert hätte. Dies war eben die
ſelbstverſtändliche Folge von Ranks Benehmen.



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Der hatte offenbar gar nicht auf des wohl-
wollenden Beamten Worte geachtet. Der war nur
mit seinen eigenen Gedanken beschäſtigt, und diese
mußten, wie heftig sie wogten, jetzt sogar irgend
etwas Humoristiſches einschliezen, denn wiewohl
Rank unzweiselhaft mächtig erregt war, lachte er
doch plötlich laut auf. Dann fuhr er sich wieder
über die Stirne und sann einen Moment lang nach.

„Jeh möchte jetzt allein sein,“ sagte er rauh und
erhob sich ohne alle Umſtände.

„Bitte!“ ~ Herr v. Rohn verbengte ſich ironiſch.
„Sie arbeiten vermutlich an einem neuen Märchen.
Viel Glück dazu. Möge Jhnen endlich etwas wenig-
ſtens halbwegs Wahnrſcheinliches einfallen.“

Cin Druck auf die elektriſche Glocke, und der
Wiärter trat ein.

„Teuhren Sie den Häftling ab.!

Rank ging. Er grüßte nicht einmal, grüßte
wenigstens nicht sogleich.

Erſt auf der Schwelle fiel es ihm ein, dieser
Sitte Genüge zu tun, aber der Staatsanwalt ge-
wahrte diesen stillen Gruß nicht, der sah nicht, daß
Rank einen Augenblick lang zögerte, daß Ranks
Blicke unruhig auf ihm hafteten.

Rohn war tief verſtimmt an das Fenſter ge-
treten und ſchaute in den düſteren Hof hinunter.
„Jſt er wirklich ſchon ein so großer Cyniker ? Oder
rappelt es vielleicht bei ihm?" fragte er ſich.

Inzwischen ging der, dem diese Fragen galten,
langſam vor dem Gefängniswärter her. Langsam,
ja ganz langsam, mit so unsicheren Schritten, als
t er in tiefer Finsternis auf unbekannten
Pfaden.

are war offenbar so ganz in sein tiefes Nach:
ſinnen verſunken, daß er die Gegenwart und den
fort. an dem er ſich befand, vollständig vergessen
hatte.



Neuntes Kapitel.

Es waren erſt vier Wochen seit dem Versſchwin-
den Lanskys vergangen, und ſchon konnten die
Blätter melden, daß der Prozeß gegen Franz Rant,
gewesenen Schauſpieler, welchen man der Mitſchuld
an dem Morde bezichtigte, in den nächsten Tagen
seinen Abschluß finden würde.

„Die Abwicklung dieſes Prozesses,“ so ſchrieb
eine der verbreitetſten Wiener Zeitungen, ,wird
nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, denn das Be-
weismaterial iſt erdrückend. Nicht ohne Interesse
für unsere Leser dürfte es sein, zu erfahren, daß ein
auswärtiger Juriſt den Angeklagten verteidigen
wird. Doktor Herbert Klinger, ein iunger, sehr
schneidiger Prager Anwalt, hat ſich die Erlaubnis
erwirkt, den Angeklagten verteidigen zu dürfen. Es
w SU
der Universität unzertrennliche Freunde, und dieses
Freundschaftsgefühl muß, wenigstens von Seite
Klingers, ein ungewöhnlich tiefes sein, denn nur
so läßt es sich erklären, daß der hochgeachtete Sohn
eines hochgeachteten Vaters, des Obersten a. D.
Klinger, sich nicht einmal durch den schmachvollen
Verdacht, unter welchem Franz Rant jetzt ſteht, in
seiner Freundschaft wankend machen läßt."

Woll interessierte der Fall allgemein. Denn wer
reiſt heute nicht? Und hat nicht doch mancher mit-
unter so viel Geld oder Geldeswert bei ſich, daß
ein Verbrechen sich darum lohnte? Es konnte ſich
alſo jeder in des unglücklichen Lanskys Situation
hineindenken und das Guruſeln empfinden, welches
ein solcher Eiſenbahnmord in halbwegs illnſions-
fähigen Menſchen wachruft.

Doktor Klinger hatte mit Weidmann in einem
der vornehmſten Hotels der Stadt Quartier ge-
nommen und war zu Anfang seines Wiener Aufent-
haltes recht leicht zugänglich gewesen, hatte es jedem,
der es hören wollte, gesagt, daß Rank sein Freund,

sein liebſlter Freund sei und einer Tat, wie diejenige,

deren man ihn verdächtigte, einfach unfähig wäre.
Wenn der Dotkttor ſo frei und herzlich redete, und
wenn sein helles Gesicht, seine freundlichen Augen
förmlich leuchteten dabei, da mußte man ihm glau-
ben, da war man doppelt neugierig auf die Bewelſse,
mit denen die Anklage Rank , erdrücken“ wollte,
und doppelt geſpannt auf die Verteidigungsrede
dieſes von der Schuldlosigkeit seines Klienten so bis
ins IJnnerſte überzeugten Juriſten.

Zu Anfang seines Wiener Aufenthaltes also
war der junge, hübſche Doktor Klinger ſehr leicht
zugänglich und recht geſprächig geweſen. Aber das
hatte sich bald geändert. Er wurde zurückhaltender
und versſchloß ſeine Tür endlich ganz den Bericht-
ersſtattern, welchen mit Einzelheiten aus dem Leben
der beiden im Vordergrunde des öffentlichen Inter-
eſſes stehenden Freunden so sehr gedient gewesen
wäre.

Diese Wandlung in seines Verteidigers Benehmen



ſchadete Rank natürlich in den Augen derer, welche
darum wußten. Und bald wußten ziemlich viele
darum, denn wenn ſich jemand danach erkundigte,
ob der Herr Doktor zu ſprechen sei, so sagte es
ihm vom Peortier bis zum betreffenden Zimmer-
kellner jeder, daß der Herr Doktor für niemand zu
ſprechen sei, denn er wäre so gedrückter Stimmung,
daß er sogar seine Abende nirgends anders mehr
als in seinem Zimmer verbringe.

Auf welche Art?

Derlei verbreitete fich raſch.

Das weiß vielleicht niemand, aber ſchließlich wissen
es eine Menge Leute, daß es ſich mit einer gewissen
Person oder Sache so und so verhält.

Auch in diesem Falle war es o.

Es gereichte dem Verhafteten in der öffentlichen
Meinung sehr zum Schaden, daß sein Verteidiger
nicht beſſer Herr über seine Gemütsstimmung war.
Und doch war es wieder nur natürlich, daß ein
Menſch, deſſen Herz so in Mitleidenschaft gezogen
wurde, nicht wie ein Fremder gleichmütig bleiben
konnte, wenn er nach und nach die Gewißheit er-
langte, daß es um den Angeklagten schlimm ſtehe.

Der junge Juriſt machte in dieſen Tagen die
Erfahrung, daß uns das Herz ſehr oft nur im Wege
iſt, wenn wir geliebten Personen Gutes tun wollen.
Der beste Arzt zittert, wenn er das eigene Weib
frre tet rie htuetcU uud me
auch ein Freund dem anderen nicht Verteidiger sein
wollen, denn dazu bedarf es nur des Geisſtes und
allenfalls der allgemeinen Menſchenliebe, ein per-
sönliches Empfinden aber ist da nur hinderlich.

Jene Tage kurz vor der Verhandlung waren nicht
nur für Rank. sie waren anch fürx seinen Frennd
ualvoll.

q Täglich verbrachte Klinger etliche Stunden bei

Rank, und täglich gab es heftige Auseinander-

setzungen zwischen ihnen. Meist ging der Doktor
mit rotem Gesicht und sorgenvoller Stirn aus dem
Unterſuchungszimmer, darin der einstige Schauſpieler
ihn empfangen mußte, und wenn dann der Grimm
in ihm verglomm, traten an dessen Stelle eine tiefe
Niedergeschlagenheit und eine heftige Unruhe, die
den sonst eher leichtherzigen jungen Mann wie eine
ſchwere Krankheit befallen hatten, seit er dieſe ~
das wußte er jetzt ſchon ~ nuglose Verteidigung
übernommen hatte.

Als er ſchließlich an dem Platze stand, von dem
aus er für seinen Freund zu den Geschworenen und
zu dem Gerichtshofe reden sollte, da war er odo bleich,
und da schlug sein Herz ſo wild, als ſei er ſelbſi
es, über welchen Gericht gehalten werden ſollte.

Zu Rank hinüberzuſehen, das wagte er zuerſt
nur versſtohlen, denn er fürchtete den Anblick des
Unglücklichen.

. . Aber > es war merkwürdig . Franz Rank

sah heute viel weniger unglücklich aus als damals,
da er die erzwungene Reiſe machte. Wohl war
er auch sehr bleich, aber nicht Mutlosigkeit und auch
nicht das Bewußtsein der Schande drückten ſich in
seinen Zügen aus. Eher war etwas wie Trotz und
Bitterkeit darin. :

Jür Klinger hatte er nicht einen Blick mehr,
nachdem er ihn gleich beim Eintreten mit einm
wehmütigen oder wenigstens wehmütig anssehenden
Lächeln begrüßt hatte. é

„Er schauſpielert,“ sagte eine der Damen, welche,
ivie bei jedem sensationellen Fall, auch hente zahl-
reich ihren Platz auf der Galerie einnahmen.

Zu gleicher Zeit fällte am anderen Ende des

Saales ein junger Mime dasselbe Urteil. Er wean

mit einem Kollegen Studienzwecke halber hieher ge-
kommen, und wohl auch, weil. der ehemalige Kunſt-
genoſſe als Naubmörder ihn besonders interessierte.
Der jnnge Menſch ſagte ehrlich begeiſtert: „Du,
hör, der soll nichts gekonnt haben? Ich möcht' nur
einmal so den Undurchdringlichen spielen können,
wie der.?

Und ähnliche Urteile fielen noch eine Menge. Es
war merkwürdig, welche Anerkennung Franz Rant,
oder vielmehr Leo Raneck, an dieſem Orte als Schau-

ieler fand.
f lGrat sah es aber auch ganz deutlich, daß er eine
Rolle spielte, eine Rolle, aus welcher er auch nicht
für einen Augenblick fiel, eben die Rolle des „Un-
durchdringlichen“, des „Rätselhaften“, der nur hie
und da die Schultern zuckt, halb verborgen lächelt
und halb verborgen zuweilen tief Atem holt, als
mangle es ihm hier an Luft. Er führte diese inter-
eſſante Rolle, wie gesagt, ausgezeichnet durch, und
ſie ſtand ihm auch ausgezeichnet. Seine feine und doch
ganz und gar männliche Schönheit, die vornehme
Haltung der eleganten Geſtalt, deren faſt hochmütige
Steifheit alles Häßliche, das an ihn herankam, von
vornherein abwehren zu wollen ſchien, ſeiu eiſiges
Schweigen und endlich die auf die bezügliche An-
frage des Präsidenten mit angenehm belegter Stimme
geſprochenen Worte: „Jch bin unschuldig!“ das
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