Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 39.1904

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en brachte.







Jahrg. 1904.





Die junge Witwe.

Kriminalroman von Auguſte Groner.
Eortſezung.)

(Nachdruck verboten.)

etzt iſt der Herr Finkeneder pensioniert,"

De) fuhr der Gendarm fort. „Die Leutl’n
f/ ~ wiſſ n gar nicht, was passiert iſt. Du
VS) d) lieber Gott, ihr klein's Gütl liegt weit
, vor Murau draußen, ich mein’, die sehn
's ganze Jahr keine andere Zeitung als den Be-
zirksboten. Auf den ist nämlich der Herr Finkeneder
abonniert. Das hab' ich heraus!kriegt."

Der Herr Poſtenführer warf ſich bei diesen
Worten ein wenig in die Bruſt. Er fühlte wohl
einigen Stolz über dieſer Erhebung.

„Aber der Herr Finkeneder kann ja in Murau
auch noch andere Zeitungen zu Gesicht bekommen,“
warf der Fremde ein.

Der Gendarm ſrchüttelte den Kopf.



. ] [ „Der Herr
Finkeneder iſt gelähmt,“ entgegnete er. „Nein, ysÂ
die Leutln behalt'n schon ihre Harmlosigkeit, und
wenn der Herr Vetter vielleicht doch anrückt, nehmen
ſie ihn mit Trompeten und Pauken auf, und der
Bursch g'hört dann uns.“

„Meinen Sie nicht, daß er sich die Trompeten
und Pauken verbitten würde?" warf der Fremde
lächelnd ein. „Jch kann mir überhaupt nicht denken,
warum er gerade zu diesen Verwandten Zuflucht
nehmen sollte. Hat er denn sonst niemand mehr
auf der Welt ?“

„Zn Böhmen Joll er noch eine alte Tante haben,
ſonſt aber mutter-
ſeelenallein stehen.
das hat der Herr
Bezirkshauptmann
in Murau erwähnt,
wie er mir und
meinen Kameraden
unſere Weiſungen
gegeb’n hat."

„D, mein Roſt-
braten kommt,“ rief
vergnügt der Fremde,
und nictte dem
ſchmucken Wirtstöch-
terlein zu, das ſo-
eben das beſtellte

„Die Fräuleir
Mizzerl wird aalle
Tag’ säuberer!“ be-
merkte nicht ohne
Gefühl der Herr
Poſtenführer, und
ghatte jettt gar keine
Augen mehr für den
behäbigen Herrn,
der über ſeinem
Roſtbraten alles
Interesse für krimi-

.. .

NI. 1904.



Todesſprung mit dem Fahrrad im Zirkus Schumann zu Berlin.

nalisſtiſche Themata verloren hatte. Und als die
blonde Mizzerl das Zimmerchen verließ, in welchem
an dem einzigen Honoratiorentiſch die beiden Män-
ner ſaßen, da fand auch der Gendarm, daß er lang
genug dagewesen sei, empfahl sich artig von dem
Fremden, bezahlte in der großen Gaſtstube draußen
seine bescheidene Zeche und ging.

Eine Weile saß Neumann noch allein, dann ver-
ließ auch er die Stube und das Haus.

Bevor er dies tat, hatte er in sein Notizbuch das
Wort ,Finkeneder“ geschrieben. Er hatte vor diesen
Namen aber noch einen anderen gesetzt. „Angela
Jinkeneder" stand in dem Notizbuch.

Merkwürdig. Der Gendarm hatte doch Frau
Finkeneders Vornamen gar nicht erwähnt!

Fünfzehntes Kapitel.

Als Neumann das Gaſthaus verlassen hatte,
wandte er ſich der +
Brücke zu, die
über den Bach
führt, welcher
dem Dorfe seinen
Namen gegeben.
Trotzig stand da
vor ihm in ſtatt-
licher Höhe die
Burg Altteufen-
bach, und tief
unter ihr hob
ſich das hellrote
Dach des Tur-
nauer Häuschens
von dem ſatten
Grün der Berg-







wand ab. Auf dieſes Haus zu lenkte er jeine Schritte.
Nach kurzer Wanderung stand er davor und ſah
nun freilich, daß das kleine Anwesen auffallend ver-
wahrloſt war. Allerdings zeigten auch die Wände
friſchen Verputz, aber die Fenster und die Tür ſtarr-
ten von Schmutz, und nicht weniger unsauber war
die Schwelle, über die er jetzt ſchritt.

Es hinderte ihn niemand daran, in den Flur zu
treten. Wenigstens zeigte sich das Ferkel, das ihm
grunzend entgegenkam, kteineswegs feindlich gesinnt,
sondern ließ ihn vielmehr ärgerlich werden über seine
zar q! 444s. Ähticßti Doch verjagt hatte, öffnete
er die nächſtbeſte der vier Türen, welche in den
Flur mündeten. Aber er ſchloß sie ebenso ſchnell
wieder. Er hatte in eine Küche geschaut, die ganz

dazu geeignet war, auch den größten Appetit auf
ein Minimum herabzudrücken.















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Nach einer Originalſkizze von E. Noſang. (S. 263)


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