Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 39.1904

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Die junge Witwe.

Kriminalroman von Auguſte Sroner.

(Fortſetzung.)
st Aber wir haben jeder unser Augenmerk

U

KD
IS doch auf eine andere Person gerichtet.“

LD „Sie ſuchen nicht in erſter Linie den
qt der den Gummimantel getragen hat?“ fragte

enmann.

„Mein - in erſter Linie ſuche ich den verdufteten
Rank!“ erwiderte Brenner gelassen.

„Den Rank! Richtig, den wollen
Sie alſo auch ſuchen?“ ;

„Sie halten mich wohl für eigen-
ſinnig und meinen, ich habe mich
gerade nur in den Gedanken ver-
biſſen, daß der Rank wieder einge-
bracht werden muß ?“

„Nun, ſ9ſt es denn micht ſo?-

„Ja ces iſt auch so. Aber
es iſt noch mehr hinter meinem
zuuu tg dem Rank.“

„Mun?!

„Erſtens hab’ ich diesen Men-
ſchen schon einmal so sehön gehabt
ich allein Ich hab ihn ein-
gebracht, er wird überwiesen, ab-
geurteilt und ~ entspringt wieder.
Wie in den Erdboden hinein iſt er
verschwunden. Das hat mir bis heut'
keine Ruh gelaſſen. Ich hab! mir
einen Urlaub genommen und ver-
folge die Sache jetzt auf meine
eigenen Kosten, bin also dermalen
ſozuſagen auch Privatdetektiv."

„Zmmer nur Ranks wegen?“ be-
merkte Neumann.

Brenner lachte. , Wenn ich ihn
hab’, hab’ ich ja den anderen auch.
Dieſer andere iſt für mich aller-
dings immer nur das Nebenprodukt,
aber in Wahrheit iſt er natürlich
gerade so wichlig wie Rank, und
hätte ich mich gleich zu Anfang auf
ſeine Verfolgung verlegt, so wäre
eben er mir der JIntereſſantere.“

„Das dente ich auch.“

„Sie denten das mit gutem
Grund, denn Sie reisen ja in Diensten
des Herrn Weidmann, der wieder
zu seinem Gelde kommen miuböchte,
und das meiste davon wird wohl
nach wie vor nicht der Rant, ſon-
dern eben dieſer andere haben.
Übrigens denke ich bei meinem Streif-
zuge hieher bis ins Türtiſche nicht
allein an alle diese Dinge, sondern
auch an die arme junge Witwe.

Ur. 1904

EHE
[Nachdruck verboten.)








reuner nickte. „Natürlich arbeiten wir
2/ beide für den Fall Lansky, das ſchon.



Im Schießftand.

Denken Sie ſich doch nur ihr ſchreckliches Los! Am
Hochzeitstage noch wird sie ihres Gatten beraubt
und

„Ja, die arme junge Witwe! unterbrach ihn
Neumann und seufzte tief auf. Aus seinem Geſicht
war alle Heiterkeit verſchwunden.

„Wünſchen die Herren Kaffee?“ Mit dieser
Jrage trat jetzt die Wirtin an den Tiſch der beiden
Männer heran. Ö

Der Kaffee wurde bestellt, und die Wirtin räumte
das Eßgeschirr weg.

Als Breuner und Neumann wlirieder allein waren,
sagte der erſtere bedächtig: „Sie waren alſo ſchon
bei der Turnaner Roſi ?

„Ja, heute fruh. Warum intereſſieren Sie ſich
denn gerade für dieſe? Oder vielmehr woher wiſſsen



eL Familien-Zeitnn



Nach einem Gemäldce von F. G. Kouſſel. (S. 284)

U]. Jahrg. 1904.

Sie denn, daß eine Turnauer Roſi auf der Welt
iſt und daß sie zu den beiden Verbrechern oder
doch zu einem von ihnen in Beziehung ſteht ?“

Vreuner lachte laut auf. „Das habe ich auf
ganz sonderbare Weise erkundet.“

„Kann man das erfahren ?“

„Warum denn nicht.“

„Es ſoll aber nicht so aussehen, als ob ich Ihnen
etwas herauslocken wollte.“

„Ach, Sie wiſſen es ja auch ſchon, daß die
Rosi zu den beiden gehört. Da erzähle ich Ihnen
ja nichts Neues. Also merken Sie auf. Während
des Prozesses, den man dem Rank gemacht hat,
habe ich natürlich auch die Leute kennen gelernt,
die eine Aussage zu machen hatten. Darunter war
auch der Buchhalter vom Lansky, ein gewisser Loserth.
Der iſt nämlich vorgerufen worden,
um seine Meinung darüber abzugeben,
ob er seinen Brotgeber für nerven-
schwach oder für widerstandsfähig
in Bezug auf ein Betäubungsuiittel
gehalten habe Auch über einiges
andere hat er seine Meinung abgeben
miſſen. Kurz und gut, der Herr
Loserth und ich haben uns bei dieser
Gelegenheit tennen gelernt, und ich
hab’ ihn gebeten, daß er mich's so-
fort wiſſen laſſen möchte, wenn irgend
etwas Absonderliches geschehen ſollte,
das auf Lansky Bezug haben könnte.
Sie wissen ja, unsereins muß alles
zu erfahren ſuchen, um kombinieren
zu können.“ :

„Hat czhnen der Buchhalter etwas
zu melden gehabt?"

Neumann zeigte jetzt immer grö-
ßeres Intereſſe. Es. war ja auch
ganz natürlich, daß er. der für die-
selbe Sache engagiert war, ſich für
alles interessierte, das sie betraf.

So fand denn ſein Kollege es
auch gar nicht auffallend, daß er
vor lauter Aufmerken es jettt ganz
vergaß, weiter zu rauchen. Wie er
ſo, weit vorgebeugt, daſaß, bot Neu-
mann jetzt das Bild eines von einem
Thema völlig in Anspruch genom-
menen Menſchen.

Der letzte Sonnenſtrahl, der durch
das von dichtem Efeu unſſponnene
Fenslier durch eine Blattlücke seinen
Weg gefunden hatte, lief über des
Detektivs fuchsrotes Haar hin, was
bei Breuner den Eindruck hervor-
brachte, als ob dieses häßliche, strup-
pige Haar glimme. Noch eines
anderen Eindruckes wurde Breuner
ſich eben jetzt erſt bewußt. Er be-
merkte jetzt erſt ſo recht deutlich, wie
häßlich sein Kollege sei, und es
war ihm, der seit jeher eine ganz
seltsam leidenschaftliche Freude an
Schönen hatte, geradezu angenehm,
daß der andere, vielleicht im Be-




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