Blümner, Hugo ; Schorn, Otto von
Geschichte des Kunstgewerbes in Einzeldarstellungen (Band 1): Das antike Kunstgewerbe nach seinen verschiedenen Zweigen — Leipzig, 1885

Page: 34
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bluemner1885bd1/0045
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
34

der kcramischen Produktion ausmacheu: es kommeu dielmehr
auch wahrhaft künstlerische Erzcugnisse hinzu, kleine Figürchcn,
kunstvolle Reliefs, große Statuen. Was der moderne Bildner
flüchtig aus Lehm sormt, damit es ihm als Modcll für die
Ausführung in Marmor oder als Forin für den Bronzeguß
diene, das ist, wcnn es seincn Zweck erfüllt hat, dem Untergange
geweiht; die Thonarbeiten der alten Bildner aber dienten dcm
Schmuck des Hauses, ja selbst der Tcmpel der Götter; und
unter den uns erhaltenen Arbeiten dieser Art sind manche, die
wir noch heute als Kunstwerke ersten Nanges und als redende
Zeugen des auch im schlichtesten hellcnischen Handwerker leben-
digen künstlerischen Geistes bcwundcrm Mit letztercn haben wir
uns hier nicht näher zu beschäftigcu; nur insoweit auch bei
diesen plastischen Arbeiten von gewerblichem Betrieb die Rede.
sein kann, werden wir einen Blick darauf zu werfen haben.

Über kein Gcbiet der gesamten antiken Jndustrie und Kunst,
vornehmlich der klassischcn Bvlkcr, sind wir infolge der uus er-
haltenen Reste so genau unterrichtet, wie über die Keramik. So
zerbrechlich ihre Erzeugnisse an und für sich auch sein mögen,
so ist doch der gebrannte Thon dcr unvergänglichstc aller Stoffe,
der sclbst Steiu und Metalle überdauert, zumal er nicht, gleich
dem zum Kalkbrennen tauglichen Marmor, sich anderweitig nutzen
ließ und noch weniger, gleich dcn Metallen, die Habgier reizte,
welcher so viele Kunstschätze der Vergangenheit zum Opfer fallen
mußten. Unübersehbar ist daher dic Menge der auf uns ge-
kommenen Erzeugnisse der Töpferkunst; von den frühesten Zeiten,
in deren Dunkel die Leuchte des Geschichtssorschers vergeblich
zu dringen sucht, geben sie uns Kunde uud illustrieren jede Epoche
der Kulturgeschichte in ihrer unscheinbaren und doch dnrchaus
charakteristischen Weise. Denu in Form und Ausstattung, iu
Technik und Stil, besonders aber in den Vorstellungen, mit
welchen die kunstfertige Hand des Malers diese Gefäße schmückt,
spiegelt sich der Geist einer jeden Zeit nicht minder deutlich
wieder, als in dcren Bauwerken oder in ihren littcrarischen Pro-
loading ...