Braun, Joseph
Handbuch der Paramentik — Freiburg i. Br., 1912

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6o Erster Abschnitt Allgemeines.

eigen sein müssen. Im 12. Jahrhundert tritt dann zu der moralischen
die typisch-dogmatische und die allegorische Symbolik hinzu.
Die letztere, die übrigens wenig Anklang gefunden zu haben scheint, sieht
in dem Liturgen den Streiter Gottes, der am Altar mit dem Feinde des
Volkes Gottes ringt. An diesen Kampf nun sollen die Gewänder er-
innern : das Humerale ist der Helm, die Albe der Panzer, die Stola die
Lanze, das Cingulum der Bogen, die Kasel der Schild, der Manipel die
Keule — wie man sieht, eine recht fernliegende Symbolik, die selbst
den an Willkürlichkeiten nicht wenig gewöhnten mittelalterlichen Litiir-
gikern etwas gar sonderbar vorkommen mochte. Weitere Verbreitung
hatte die typisch-dogmatische Deutung, welche die liturgischen Gewänder
auf Christus, und zwar vornehmlich auf gewisse, den Erlöser betreffende
Dogmen, seine Menschwerdung, seine beiden Naturen, die Einheit
seiner beiden Naturen und ihr Verhältnis zueinander, seine Lehre,
seine Beziehungen zur Kirche u. a., auslegt. Da der Priester Christi
Stellvertreter bei der Darbringung des unblutigen Opfers des Neuen
Bundes ist, lag eine solche Symbolik in der Tat nicht fern. Auffällig ist,
daß man zunächst gar nicht daran dachte, die Gewänder auf das Leiden des
Erlösers bzw. die Leidenswerkzeuge zu beziehen. Diese Art von typischer
Bedeutung kam erst im 13. Jahrhundert auf. Man kann sie die typisch-
repräsentative nennen, weil bei ihr die Person des Priesters die
Person des leidenden Erlösers vorstellt, die priesterlichen Kleider aber
an einzelne Ereignisse ans Christi Leiden erinnern. Es war das zweifels-
ohne die für das christliche Volk geeignetste Symbolik, einmal weil sie die
einfachste und infolge ihres gewissermaßen plastischen Charakters die
anschaulichste war; dann, weil sie ihm sinnfällig ins Gedächtnis rief,
was nach Lehre der Kirche sich am Altar vollzieht, die immer sich
wiederholende, unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers Christi.

Die Ankleide- und Weihegebete beherrschte von Anfang an die
moralische Symbolik, indem in ihnen die Gewänder regelmäßig auf Gottes
Gnadenschutz, den der Priester sich in ihnen erflehte, oder auf die Tu-
genden, die ihn zieren müssen, gedeutet wurden. Es ist das bekanntlich
auch noch die Symbolik der heute gebräuchlichen Gebete.

Fünftes Kapitel.
Die Segnung: der Paramente.

1. Der heutige kirchliche Brauch. Bestimmte Paramente
müssen vor Ingebrauchnahme gesegnet werden. Es sind von den
liturgischen Gewändern der Amikt, die Albe, der Manipel, die Stola,
die Kasel und wohl auch das Cingulum, von den übrigen das Korporale,
die Palla und die Altartücher. Für die sonstigen übrigen Paramente,
namentlich für die Dalmatik, die Tunicella, das Pluviale, das Super-
pelliceum, das Purifikatorium, die Burse und das Kelchvelum, ist eine
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