Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule u. Haus — 54.1912

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siirkirche, schule unü Haus
Sjerausgegeben von
D.theol. David Eoch
trscheint monatlich in einem heft zuZ2 bis 48
Zeiten und enthält viele QMlustrationen, 1-2
farbige stunstbeilagen und bisweilen Noten.
Preis für bas Vierteljahr 2 chark. 2u bestehen
durch alle Postämter und öuchhanblungen.

Vrgsn des Sundes der freunde sm Volkskunst.



Üpril 1912

vierundfünfzigster Jahrgang

Nr. 4

Lin deutscher Grabmalsplastiker.
(Professor Ernst Müller-Vraunschweig.)
von vr. Karl Storck. — rnit 13 Bildern.

/^uf dem berühmten Tampo Santo in Mailand und auf dem nicht minder be-
I—I rühmten zu Genua sind mir am stärksten zwei künstlerische Überzeugungen, die
sich zu Weltanschauungen über Kunst entwickeln können, bestätigt worden.
Einmal die nationale, ich möchte lieber sagen die volkliche Verschiedenheit der
Kunst, andererseits die von Leonardo da Vinci bereits verkündete Tatsache, daß
auch im Zinnenreiche der Kunst der Geist, die Zeele, der ausschlaggebende Ge-
stalter ist.
Nirgendwo spricht man mit scheinbar größerem Recht das Wort Internationalität
aus, als bei der Kunst. Immer wieder müssen jene, die die Unterstützung der
Kunst des eigenen Volkes verlangen, sich belehren lassen, die Kunst sei inter-
national, für sie gäbe es keine Grenze. Ich will dabei annehmen, daß die
Leute unter international eigentlich universal meinen, denn sie wollen ja nicht
behaupten, daß die Kunst keine scharf ausgeprägten Tharaktermerkmale habe,
sondern vielmehr, daß diese Eigenschaften so hohe und übergroße seien, daß ihre
überwältigende Kraft mit gleicher Stärke aus alle Menschen wirken müsse.
Ls gibt gewiß eine solche Universalität der Kunst, wir Deutsche, die wir
die universalsten Künstler hervorgebracht haben, die wir auf der anderen Seite
mit einer oft kindischen Beflissenheit den Kunstbesitz anderer Völker uns zu eigen
zu machen strebten, wollen das zuletzt leugnen. Ich nenne diese Beflissenheit
kindisch, weil die Deutschen so oft, wie es vielfach Kinder an sich haben, den
angestammten Besitz im gleichen Nugenblick gering schätzen, in dem sie das Eigen-
tum der Fremden sehen. Das, was die anderen haben, scheint ihnen immer das
Bessere zu sein. Uber man zeige doch einmal das universale Kunstwerk, das
nicht gleichzeitig im höchsten Sinne national wäre. Ie tiefer wir in diese
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