Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule u. Haus — 54.1912

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September 1912 vierundfünfzigster Jahrgang Ur. 9

süMrche, schule unv Haus
tzerausgegeben von
D. theol. David «stoch
Erscheint monatlich in einem heftzu Z2 bis 4S
Zeiten unö enthält viele veMlustrationen, 1-2
farbige kunstbeilagen und bisweilen Noten.
p"is kür bas Vierteljahr 2 fllark. 2u beziehen
durch alle Postämter und öuchhanölungen.
Vrgsn des «Sundes der fteunde sm Volkskunst.




Die Kunst im Krankenhause.
von Wolfgang Zeller, Irrenanstaltsgeistlicher, Schussenried.
^unst und Krankenhaus scheinen auf den ersten Anblick weit auseinander-
strebende Gegensätze zu sein. Die Kunst ist die frohe Begleiterin der
Lebensfreude, die über glückliche Menschen und festliche Stunden den holden
Schimmer der Schönheit wirft. Die Krankheit wird von allen gefürchtet als die
Feindin des Lebens, als die Zerstörerin des Glückes, welche Schmerzen und Tränen
bringt. Die Kunst erhebt auf den Schwingen der Phantasie die Gedanken zum
Keich der Poesie, zu den lichten Regionen der schönen Form. Die Krankheit
hält Körper und Geist in den Fesseln der harten Wirklichkeit fest, über deren
schreiende Dissonanzen, scharfe Kanten und bittere Nöten keine holde Illusion,
kein Traum ewiger Schönheit hinwegtäuscht. Künstlerische Genialität kann in
einer Laokoongruppe den Schmerz in erschütternder Naturwahrheit darstellen oder
in einem Ibsenschen Drama die schwersten Zeelenkämpfe ästhetisch nachempfinden
lassen. Überwunden heilen, Schmerzen stillen kann die Kunst; nicht die Helden-
kraft zum Kampf gegen des Geschickes dunkle Mächte quillt nicht aus dem Born
der Schönheit.
Und doch soll edle, wahre Kunst ihre Heimstätte im Krankenhause haben.
Vie wahre gottgeborene Kunst, die aus den (Quellen der Wahrheit und Schönheit
getrunken hat, ist die Bringerin der Freude, wo in aller Welt ist Freude und
Erquickung sehnsüchtiger begehrt als im Krankenzimmer? Die Kunst lebt und
schafft im Licht. Licht bringen in ein leidvolles Lebensschicksal, in ein von Gram
umnachtetes Gemüt, das ist wohl die höchste Seelenkunst.
hohe Kunst, welche in schöner Form reichen Inhalt birgt, deren Werke „jedes
wie ein ausgesprochenes Wort Gottes" ist (Goethe), wirft große Gedanken, tiefe
Gefühle in die Seele und weckt „der dunklen Gefühle Gewalt, die im Herzen
wunderbar schliefen." In der Verbindung mit anderen Lebensmächten, mit Keli-
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