Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule u. Haus — 54.1912

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Dezember 1912

Nr. 12

vierundfünfzigster Jahrgang

hrifliiches MnflMsll


fürMche,schule unölhaus
Herausgegeben von
D.theol. David lstoch
erscheint monatlich in einem heft zu Z2 bis 4ö
Zeiten unö enthält viele Qrtillustrationen, 1-2
farbige hunstbeilagen unö bisweilen Noten.
Preis für das Vierteljahr 2 stlark. Lu beziehen
öurch alle Postämter unö Suchhanölungen. -W.

Vrgsn des Sundes der fteunde für Volkskunst.



Vas deutsche weihnachtslied.
t Winterbeginn erwacht neue Zangeslust in unserem Volke. Des herbstes
hast ist vorüber. Des Jahres Legen ist geborgen. Ls ist abgeräumt
und aufgeräumt. Da kommt ein Gefühl der Sicherheit über den deutschen
Mann. Leib und Seele dehnen sich behaglich im stillen Frieden des Hauses. Und
in dem durch unbewußte Herbstwehmut weich gewordenen Herzen spinnt sich der
volle Lindruck der farbigen Welt, losgelöst von dem entschwundenen Bild, in
künstlerischer Freiheit weiter, träumerisch oder phantastisch. In diesen Tagen wird
viel fabuliert und viel gesungen. Andersartig ist der Sang als in der Maienzeit.
Damals war er dem Genuß des Augenblicks geweiht, jetzt der Erinnerung, der
Vertiefung, der Historie.
In wundervoller weise kommt das christliche Kirchenjahr solcher Stimmung
entgegen. Ls beginnt die Adventszeit, prächtig ist der Eingang. Vie großartigsten
aller Prophetenworte erdröhnen: Wächterrufe, die das Licht begrüßen, Weckrufe in
die dunklen Schlafkammern hinein. In die aufdämmernde Helle fällt der scharfe
Schatten des Bußpredigers Johannes, und von Ierusalem her tönt das hosianna.
Unter allen Empfindungen dieser Zeit hat keine so früh nach dem Ausdruck
des Liedes gerungen, als der wonnige Schauer des Glaubens, daß geheimnisvoll
das heil jetzt unterwegs ist. Die ältesten Adventslieder sind ein duftiger hauch
der mystischen Grübelei über die Fleischwerdung des Wortes. So sind sie leise
vorklänge der Weihnacht, in der ans Licht der Sterne kommt, was der Engel
in der Jungfrau Betkämmerlein verkündigt hat. Lin weißes Täublein fliegt vom
Himmel herab zur Jungfrau. „Sie schloß wohl auf ihrs Herzen Fensterlein,
wohl zu derselben stunde der heilig geist ging ein." Oder ein Waldvögelein
singt ihr die fremde, süße Kunde. Oder es träumt ihr, wie unter ihrem Herzen
ein Baum wachse, der alle Welt überschattet. Oder der Engel zieht als Jäger
durch den vielgrünen Wald, er stößt in sein Hörnlein und jagt mit dem wind-
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