Christliches Kunstblatt für Kirche, Schule u. Haus — 54.1912

Page: 291
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/christliches_kunstblatt1912/0427
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Oktober 1912

vierundfünfzigster Jahrgang

Nr. 10



hristliches KmstMatk
siirkirche, schule uMaus
lsterausgegeben von
D.lheol. David Eoch
trscheint monatlich in einem kseftzu Z2 bis 48
steilen und enthält viele Qrtillustrationen, 1-2
farbige Kunstbeilagen und bisweilen Voten.
Preis für bas Vierteljahr 2 stlark. Lu beziehen
durch alle Postämter und Buchhandlungen.

Vrgsn des Sundes der freunde für Volkskunst.

Rinematographen-Moral.
aben sich die Rintopp-Dinge wesentlich verbessert? Ich glaube nicht.
Neulich war zu lesen, daß ein reicher Mann in einer Residenz einen Bau-
platz suchte, um dorthin wegen der Erziehung seiner Rinder überzusiedeln.
Rbends ging er ins Rino-Theater. Rls er die Geschichte sich angesehen hatte,
sagte er zu seiner Seele und zu seinem Freund: „Ich bleib, wo ich bin - in
der kleinen Provinzstadt und erziehe dort meine Rinder." Solange ich in Berlin
war, hat mich ein Grauen erfaßt vor dem deutschen Rintopp-Rulturideal.
Rber auch in einem Provinzblättchen las ich vorgestern: von 4 Uhr ab für
Konfirmanden. - von 8 Uhr ab nur für Erwachsene: „Im Strudel der Groß-
stadt - - In einer Residenzstadt baut man zwei neue Theater. 14 Rintöppe
sind jetzt auch schon da; Rino-Theater mit relativ hohen Eintrittspreisen, also
für „besseres Publikum".
Das ist das deutsche Rintopp-Rultur-Ideal. Die Polizeibehörden genehmigen
großzügig diese modernen Unternehmungen; der Staat und die Rirche beginnen
im Wettkampf Jugendfürsorge zu betreiben. Ruf der einen Seite sorgt man
für frühzeitiges Laster, ohne es zu wollen, auf der andern Seite steht man bebend
vor der abgrundtiefen Verlotterung unserer Jugend.
Man sieht: es ist kein einheitlicher Wille, kein Ropf ist da bei diesen Rultur-
gefahren.
Man muß ernst reden und oben anfangen: Rlles verkleistern ist wertlos.
Es öffnet nur an der anderen Seite neue und größere Schlupflöcher.
Wir brauchen ein Gesetz, das die ganze S chaubühnen-G esetz-
gebung (dazu rechne ich von der Gper bis herab zum Tingeltangel und Rino-
Theater) - fest in die Hand nimmt und zwar den Polizeiorganisationen das
ganze Schaubühnenwesen in diesem weitesten Sinne abnimmt und an die De-
partements des Rultus überweist. Rein Polizeipräsident und kein Ministerium
loading ...