Dittenberger, Wilhelm ; Purgold, Karl ; Curtius, Ernst [Hrsg.]; Adler, Friedrich [Hrsg.]
Olympia: die Ergebnisse der von dem Deutschen Reich veranstalteten Ausgrabung (Textband 5): Die Inschriften von Olympia — Berlin, 1896

Seite: 615_616
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VII. INSCHRIFTEN AUS DER EXEDRA DES
HERODES ATTICUS.

Die aus dem südlichen Abhang des Kronoshügels
am Westende der Schatzhäuserterrasse gelegene »Exedra
des Herodes« bildete den arehitektonischen Abschluss
einer Quellwasserleitung bei deren Eintritt in den oberen
Teil der Altis (s. Bd. II Die Baudenkmäler S. 136 ff.).
Dieses »chateau d'eau« war in zwei übereinander lie-
genden Absätzen aufgebaut, von denen der untere ein
grosses längliches Wasserbecken zwischen 2 die Ecken
einnehmenden Rundtempelchen enthielt; darüber erhob
(ich. in weitem Halbkreis zurücktretend, eine nischen-
förmige Anlage, welche mit Marmorstatuen geschmückt
war. Von diesen wurden 14 bei der Ausdeckung noch
in der Falllage vorgefunden, zum Teil mit ihren Basen,
deren grösserer Teil jedoch im fünften Jahrhundert n.Chr.
zu Platten zersprengt und als Fussbodenbelag in der
byzantinischen Kirche verwendet worden ist (vergl. zu
No. 656).
Die epigraphischen Resse der Exedra beliehen aus
zwei Gruppen: die Weih- oder Bauinschriften der ganzen
Anlage (No. 610—612) und die Aufschriften auf den
Basen der Statuen, welche in dem oberen Halbrund
aufgestellt waren (No. 613 — 628). Um die ursprüngliche
Zahl dieser Standbilder sowie die Auswahl der dar-
gestellten Personen zu ermitteln, bieten die erhaltenen
Inschriften und die Reste der ausgesundenen Statuen in
Verbindung mit den gegebenen Abmessungen des Bau-
werks einigen Anhalt. Die erhaltenen Baien lallen an
der Bearbeitung ihrer nur an den vorderen Teilen der
Nebenseiten ausgesührten Profile erkennen, dass sie nicht
srei standen; ebenso führen die aufgefundenen Architek-
turteile auf die Annahme, dass die Innenseite des Halb-
runds durch vortretende Pfeiler gegliedert war, zwischen
denen Nischen zur Ausslellung der Statuen frei blieben.
Diese zerfallen wiederum deutlich in zwei Gruppen nach
den dargestellten Personen und den Stiftern, auch durch
die Form der Profile ihrer Basen sind sie der Mehrzahl
nach (eine Ausnahme bildet No. 620) unterschieden: die
eine besteht aus Denkmälern von Angehörigen der kaiser-
lichen Familie (No. 613 — 618), die sämtlich von Herodes
geweiht sind, die andere stellt Herodes selbil mit seiner
Familie dar und ist von der Stadtgemeinde Elis gelüftet
(No. 61 g — 628). Dieser thatsächlichen Scheidung trägt
die der arehitektonischen Rekonstruktion zu Grunde ge-
legte Annahme in ansprechender Weise Rechnung, nach
welcher die Kaiserstatuen einzeln vor den Pfeilern, die
Bildnisse der Familie des Herodes paarweise, d. h. auf
je zwei Bathren in den dazwischen liegenden Nischen
aufgestellt waren. Die Maasse der Bathren ergeben dann,
dass 8 solcher Pfeiler, welche 7 Zwischenra'ume von
doppelter Breite einschliessen, im Innenraum des Halb-
runds Platz finden, und diese Zahl entspricht zugleich

der an dem erhaltenen Unterbau noch vorhandenen
Gliederung der ganzen Anlage, welche von aussen durch
8 Widerlager, ΰ Strebepseiler und 2 anstossende Mauern
gestützt wird.
Danach würden acht Basen von Kaiserdenkmälern
und vierzehn von solchen der Familie des Herodes im
Innern des Oberbaus der Exedra anzunehmen sein; dazu
kommen zwei weitere, deren Fundamente inmitten der
kleinen Rundtempel erhalten sind, welche die beiden
Ecken der unteren Terrasse einnehmen. Zu welcher der
beiden Denkmälergruppen die hier, ausserhalb der Reihe
der übrigen, aufgestellten Standbilder auch gehörten, in
jedem Fall werden wir nur die hervorragendsten Personen
aus einer derselben an diesen Ehrenplätzen zu erwarten
haben. Einen Anhalt gewährt vielleicht die von allen
übrigen Exedrabasen abweichende Form der leider nur
sehr geringfügigen Überreste, welche von dem Bathron
des Antoninus Pius herzurühren scheinen (vergl. zu
No. 617). Als Gegenstüek zu ihm kann in dem anderen
Tempel nicht die Statue seiner Gemahlin gestanden haben,
da deren Torso auf dem oberen Absatz der Exedra ge-
funden wurde und ihre Balls (No. 613) die gewöhnliche
Form hatte, wohl aber die des Marc Aurel, von der
weder ein sicherer Überrest noch die Balls erhalten ist.
Die Zahl der Bildsäulen entspricht nicht genau der
der Bathren, indem je einmal in jeder Gruppe (No. 615.
616 und 625. 626) zwei im zartesten Kindesalter slehende
Geschwister zusammen auf einem Bathron dargestellt
waren; indessen schon etwas grössere Kinder (No. 623.
624) slehen jedes sür lieh, und wenn man in Betracht
zieht, welche Personen für die fehlenden Basen über-
haupt in Frage kommen können, lässt iich mit Bestimmt-
heit behaupten, dass jene beiden Geschwistergruppen,
deren Basen erhalten sind, die einzigen ihrer Art waren.
Danach ergiebt lieh für den ursprünglichen Besland
folgendes: •
I. Denkmäler der Ratierlichen Familie.
1. Kaiser Hadrianus (Statue erhalten).
2.*Sabina, Hadrians Gemahlin.
3. M. Aurelius Verus Caesar (von seiner Statue scheint
der Torso eines Mannes im Panzer zu slammen).
4. Die jüngere Faullina, Gemahlin des M. Aurelius
(Inschrift No. 614).
5. Die beiden Kinder des Marcus und der Faullina
(Inschristen No. 615. 616).
6. L. Aelius Aurelius Commodus, der nachmalige
Kaiser Verus (Inschriftsragment No. 618 und Kopf
der Statue erhalten).
7. Kaiser Antoninus Pius (Kopf der Statue erhalten).
8. Die ältere Faustina, Gemahlin des Pius (Inschrift
No. öi3 und Oberteil der Statue).
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