Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1891

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von Schwaben.

Dr. Geiger in Tübingen und die gute Delha in Reute.

„Evangelischer" Nitt und Ausflug iu daö „katholische" OLerschwabeu.

Zum Nachdenken vorurteilsloser Protestanten und juv Aufklärung zweifelsüchtiger Katholiken
geschildert von einem, der auch eilimat zehn Jahre lang au einem evangelischen Wagen ziehen mußte.

(Fortsetzung.)

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Geiger kommt nun gegen ben Schlust seiner Schrift noch-
"als auf Kügelin, den Erzschelm, zu sprechen. Dieser hat
Anftreten der Hysterie an seinem Beichtkind in ganz be-
vuderer Weise durch religiöse Uebungen gefördert, hat dadurch
men Glauben an das Übernatürliche und Wunderbare ge-
und was sind das für Uebnngen? Gebet und Betrach-
Jlnö/ besonders des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi,
Lft® er ein naives Spiel mit dem Leiden Christi nennt, und
s>s nach ihm zur Stigmatisation durch Selbstverwnndnng führt,
^E.Uebnng im Fasten, die den Entschluß hervvrrnft, sich aller
,, ^chen Nahrung zu enthalten, mtb die hernach, wenn man
jL ,.fv Einsicht gekommen ist, daß man den Entschluß nicht
^ Muhren kann, znm Stehlen zwingt, die tägliche Gewissens-
die!!^"ng, die selbstquälerische Gewissensskrnpel hervvrrnft,
1( . "bbung des Gehorsams gegen die Obern, der keine Ans-
^>nen und keine Grenzen kennt und in Willenlosigkeit über-
die d ^'0 Klebung des öfteren Empfangs der hl. Kommunion,
^ den Glauben an das Uebernatürliche imb Wunderbare nährt,
flöft U)QV' ^ feiger, die geistliche Praxis in diesen Franen-
üuff!?' wir sagen, das ist sie noch. Es ist nur Eines
Apen E"d, daß nicht an allen Schwestern, die mit der guten
Utih "n Kloster lebten und zu den gleichen geistlichen
.„.""Sen wie diese angehalten wurden, die gleichen Erschei-
.^ervortraten und daß auch jetzt die Frauenklöster, in
sind \ fcle ^Eichen geistlichen Uebnngen vorkominen, nicht voll
^°rl ^e^en Wundererscheinnngen, wie sie an der guten
diebn , dachtet worden sind. Es müssen darum die religiösen
dilde,"^? '"eht den Kansalncxns für die Wundererscheinnngen
der tz-s s Kere müßten ja sonst tägliche Vorkommnisse im Leben
daß , osterfranen sein. Die ganz unbestreitbare Thatsache aber,
Uu«a?^o - bleicher geistlicher Uebnngen derartige Wnndererschei-
bevii ,ll> !11 ^cn Franenklöstern nicht etwas Alltägliches sind, son-
llare» Ule^r 8U den größten Seltenheiten gehören, enthält den
ge« ..„s weis, daß die Ursache derselben nicht in diesen Uebnn-
b sticht werden darf.

die ain?n> st^er der arme Kügelin, dieser Bösewicht, der
ge»^etha mit so vielen überschwenglichen, religiösen Uebnn-
west» "bsellwrt hat, keine Nnhe vor Geiger. „Er ist es ge-
(Hhsterio^' ^0 ihm blind gehorchende Betha der Krankheit
boUe an.. 111 dw Arme geworfen hat. Durch das verhängnis-
^ öes»»E"^d"ißen des vierzehnjährigen Mädchens aus dem
ti kt er „den einer naturgemäßen Erziehung im Elternhaus
zu bem-eu geweckt. Durch seine Anleitung

^ Ehristi ^^bnlosen Gehorsam und zu dem Spiel mit dem Leiden
H D»rck m der Keim dann rasch zur Entwicklung gebracht.
-Verhängung des Fastens über die gute Betha führte er
Ausbruch der Krankheit herbei. Durch sein neu-

MMrigeä^ "wvrnch der Krankh,
H 6'lagen nach den Erlebniss

eil der guten Betha im Zn-

stallde der Perzückling hat er dieser erst selbst ihre Visionen
und Offenbarungen nahe gelegt." In der Abweisung der Fragen
Kügelins nach der Verzückung der guten Betha und in der
Antwort: ob mein Lebell gerecht sei oder nicht, das
weiß ich nicht, Gott weiß es, findet Geiger ein leises Bekennt-
nis der eigenen Schuld der gllteil Betha. Wir fragen Geiger,
wann hat der von ihm so sehr betonte, willenlose Gehorsam
der guten Betha angefaugen? Etwa erst als sie ins Kloster
kam? Hatte das vierzehnjährige Mädchen keinen Willen, als
sie sich der beichtväterlichen Leitung Kügelins unterwarf?
Hatte sie keinen Willen, als sie ihreil Beichtvater bat, ihr zur
Negel des dritten Ordens St. Francisci zu verhelfen, nachdem
er ihr den Rat, nicht den Befehl, gegeben hatte, in den drit-
teil Orden einzntreten? Hatte sie keinen Willen, als ihr Kü-
gelin vorstellte, wie notwendig es für sie sei, Hindernis
imb künftigem Schadeil für ihr geistliches Leben und ihr Streben
llach BoUkommenheit zuvorznkommen und deshalb das elterliche
Hans zil verlassen? Sie that es freiwillig auf die Belehrung
llnd beit Rat ihres Beichtvaters hin. Und selbst, wenn sie
es auf den Befehl desselben Hill gethail hätte, würde dies
nichts verschlagen, denn Kügelin hatte zwingende Gründe hie-
für. Geiger nennt das Verlassen des elterlichen Halises ein
verhängnisvolles Heranöreißen. Das Verlassen des elterlichen
Hauses war freilich ein verhänglliövolles, aber es verhängte
llicht den Keim der Hysterie in der guten Betha, soildern den
Keilll. für die übernatürlichen Erscheinungen im Leben der
gllten Betha, und für ihr§ Uebnng in den heroischen Tugenden.
Das Herausreißeil aber ans dem elterlichen Hanse setzt immer
Gewalt voraus, Rat tiub Befolgung des Rates schließt jedoch
alle Gewalt seitens des Rates und des befolgten Rates ans.
We»ln Geiger volleilds von dem Herausreißen ans dem ge-
slinden Boden einer naturgemäßen Erziehung im Elternhaus
spricht, so müssen wir es dem gesundeil Urteil der Leser über-
lassen , ob da noch von einem gesunden Boden natürgemäßer
Erziehung im Elternhause die Rede sein kann, wenn in dem-
selben die Knechte und das Hallsgesinde dem frommen Kinde
Aergernis geben imb die Eltern es nicht wehren. Geiger spricht
dann von dem offenen Ausbruch der Hysterie durch die Ver-
häligllilg des Fastens. Wer hat beim dieses Fasten verhängt,
d. i. nach Geiger besohlen? Natürlich Kügelin. Der Befehl
Kügelins geigt bei dem Fasten der guten Betha immer die erste
Violilte. Der Befehl Kügelins war es, nicht die innere Ein-
sprechung Gottes, was die gute Betha veranlaßte, sich aller-
leiblicher Nahrung zu enthalten, der Befehl Kügelins war es,
nicht der göttliche Wille, diese Enthaltnng zu unterbrechen,
darum hat die Verhängung des Fastens durch Kügelin den
offenen Ausbruch der Hysterie bei der guten Betha herbeigefnhrt,
nicht die Einsprechnng Gottes, nicht der Gehorsam gegen den
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