Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1891

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von Schwaben.

1891

Dr. Geiger in Tübingen und die gute Betha in Keule.

„Evangelischer" Ritt und Ausflug in das „katholische" Oberschwaben.
Zum Nachdenken vorurteilsloser Protestanten und zur Aufklärung zweifelsüchtiger Katholiken
geschildert von einem, der auch einmal zehn Jahre lang an einem evangelischen Wagen ziehen mußte.

(Fortsetzung.)

r , Auch was Kügelin über die dämonischen Anfechtungen
Achtet, das ist als ganz gewöhnliche Erscheinungsform der

^fterie wohlbekannt. Was Jolly (S. 518 f.) über diesen
^"nkt sagt, das stimmt wieder Wort für Wort mit dem
^ankheitsbilde überein, das wir ans Kügelins Bericht er-

eiL „In Verbindung mit den hysterischen Anfällen", heißt
^ a- a- O., „kommen tiefe Bewußtseinsstörungen vor: Sinnes-
nschungen mit Wahnvorstellungen, traumartige Zustände,
^byrgehende maniakalische Erregungen u. s. w. Von den
^ 'haften Visionen, die während solcher Paroxysmen anstreten,
slg En häufig einzelne auch nachträglich für wahr gehalten.
"Enn sich die Delirien öfter wiederholen, so bleiben allmählich
falsche Vorstellungen zurück; späterhin kommen kom-
de/^^ere Wahngebilde zur Entwicklung. Der Gegenstand
öer ßE^rien wechselt je nach der sonstigen Geistesbeschaffenheit
sch kranken. Häufig ist er ein religiöser. Die Kranken
kch ^ ^n Himmel offen, haben göttliche Erscheinungen, ver-
mit den Heiligen und verkünden allerhand gereimte und
stell bi^te Prophezeiungen. Ebenfalls in religiösen Vor-
lNewn^n. wurzeln die Anfälle von Besessenheit, welche na-
^ "lch in den hysterischen Epidemieen früherer Jahrhunderte
gav' Rolle gespielt haben, aber auch heutzutage nicht
vder Vorkommen. Die Kranken glauben den Teufel
?EHchiedene böse Geister im Leibe zu spüren, fühlen sich
hch Zßselben zu körperlichen Verrenkungen und zu Krämpfen
Elfsen und müssen wider ihrer: Willen im Sinne jener
tafte re?1 ®eWer unheilige Reden ausstoßen, auf Gott

ch bie Priester verhöhnen u. s. w. Manche sprechen sogar

tz)eis?-^Edener Stimmlage, je nachdem der eine oder andere
Jle Mm Reden zwingt."

Aetl, genau die Schilderung Jollys auch auf die gute
%en 5>"^'isft, das wird erst deutlich, wenn wir die angeb-
bet ^^ssenbarungen ins Auge fassen, die sie in dem Zustande
erzückung erhalten haben will.

Eüqeb ^er bringt nun hierüber den ausführlichen Bericht
,!U§' ^ve Verzückung in den Himmel, ihren Verkehr mit
t|.t lllei1 Seelen, ihre Entrückung in das Fegfener. Der
zu ^ halber und um nicht den schon öfters gegebenen Bericht
^väbi ^'^Wleu, übergehen wir die Darstellung Geigers und
!^tte nur bie am Schluß des Berichtes ausgesprochene
ihn, ^ ei^evg 11111 Entschuldigllng, die er, ganz bezeichnend für
begründet, er habe geglaubt, daß es den Lesern
zn th^^^ einen Blick in diese Art von Erbaunngslitteratnr
Hffx^^', Er hat also nicht allein den Zweck, die angeblichen
Zungen der guten Betha mit der genauen Schilderung
«Uf ^ 111 Einklang zu bringen, sondern auch den weiteren,
Aif^e^.^genartige Erbaunngslitteratnr des katholischen Volkes
^tbelt U mci^)ei1, Er fährt deshalb also fort: sodann
^ sich dabei nicht um abgethaue, von jedermann als

kindische Märchen verlachte Legenden. Diese wahnwitzigen
Ausgeburten einer kranken u::b doch dabei wieder rührend
kindlichen Phantasie werden heutzutage noch einem gläubigen
Volk als himmlische Offenbarungen (von wem?) dargeboten.

Wie sehr aber der Untergrund, auf dem diese Offen-
barungen erwuchsen, ein pathologischer ist, das erhellt noch
deutlicher ans zwei andern Geschichten, die mit diesen Offen-
barungen im engsten Zusammenhänge stehen und die ich mir
auch noch anzuführen erlaube. Kügelin berichtet: „Einmal

als sie große Begierde (hysterische?) hatte nach ihrem geliebten
Herrn Jesu Christo, daß sie wohl sprechen mochte mit der
liebenden Seele: verkündet meinem Geliebten, ich sei von
Liebe krank, da erschien ihr ein minnigliches Kiudlein und
ging zn ihr au das Bett und ließ sich da küssen und halsen
und erzeigte ihr da unsägliche Freude. Zuletzt verschwand
es. Darauf hnb sie an zu schreien und zn weinen und mit
Heller Stimme zn rufen: O weh, o weh! Wo bist du hinge-
kommen? Als dann ihre getreue Pflegerin kam und sprach:
Elisabeth, was fehlet dir, daß du dich so übel gehast? Da
antwortete die liebe Elisabeth mit weinenden Augen und sprach:
Mein Herr ist bei mir gewesen und ist mir entronnen! Der-
gleichen ist ihr viel begegnet, das mir alles wohl bekannt ist.
Ebenso fügte es sich eines Tags, daß sie, weil man keine
Zeit hatte, nicht verpflegt wurde, besonders, daß ihr an diesem
Tage nicht gebettet wurde. Da nun ihre Pflegerin kam, da
war ihr gar schön gebettet. Sie fragte, wer ihr also schön
gebettet hätte? Nach anderer Rede, die sich da verlief, sprach
die liebe Elisabeth: Da sind die lieben Engel gekommen und
haben mir gebettet und haben mich hin und her gelegt, daß
mir nie besser geschah. Nun war auch gewöhnlich, wenn
man sie ans dem Bette hob und wieder in das Bett legte,
daß sie dann ohnmächtig wurde." Zur Erläuterung dieser
letzte:: Geschichte sei nur angeführt, daß es bei Hysterischen
öfters beobachtet wird, daß.die Kranken, die scheinbar de»:
Tode nahe und jeder Bewegung unfähig im Bette liegen, in
unbewachten Augenblicken Bewegungen :u:b Handlungen völlig
Gesunder ansführeu.

Nach den klaren Worten des Arztes werden wir über
den wahre:: Charakter der Visionen und Wnndergeschichten
nicht mehr im Zweifel sein. Schnrer sieht freilich auch darin
„der Gnaden Ueberlast". Wir verzichten aber daraus, seine
apologetische Verherrlichung näher zn beleuchten.

Das Krankheitsbild der guten Betha liegt nun vollstän-
dig vor uns. Wir fragen nun, worin haben wir die Ursachen
dieser Erkrankung zn snchen? „Es ist unbestreitbar," sagt
Charkot, „daß alles, was das Gemüt lebhaft ergreift und
die Einbildungskraft mächtig anregt, das Auftreten der Hysterie
bei dazu be an tagten Individuen in ganz besonderer Weise
fördert. Vielleicht der wirksamste unter diesen Einflüssen, die

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