Beilage zum Diözesan-Archiv von Schwaben — 1891

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tözesan-

von Schwaben.

mi

Dr. Geiger in Tübingen und dir gute Betha in Keule.

„Evangelischer" Ritt und Ausflug in das „katholische" Oberschwaben.

Zum Nachdenken vorurteilsloser Protestanten und §uv Aufklärung zweifelsüchtiger Katholiken
geschildert von einem, der auch einmal zehn Jahre lang an einem evangelischen Wagen ziehen mußte.

(Fortsetzung.)

sv r fakaiut die unterweilige heimliche Ernährung betrifft, | Nahrungsmittel zu entwendeu und sie heimlich in ihrer Zelle
, hat Geiger keinen thatsächlicheu Beweis, sondern gründet die | oder in den Winkeln zu verzehren?

,u.y.--/ -■ —, |- D.

^ "che Ernährung der guten Betha auf die nicht erwiesene
. Rlhme, daß sie selbst zu ihrer Ernährung Speisen ent-
habe. Wie Geiger sich auf Charkot für die Richtig-
stci, di-Diagnose auf Hysterie berufen konnte, bleibt unver-
^ h, da er au der guten Betha nicht Nachweisen kann, wie
i)0 [le sich heimlich ernährt habe und daß diesem Betrüge
Me’ft m und der Mutter des Klosters Vorschub

^ "Itet worden sei, indem sie die von der Kranken bevorzugten
ih^bn (welche?) so hinstellten, daß sich die kranke Betha
unbemerkt bemächtigen konnte. Ueber ersteres kann ihm
(jt* keine Auskunft geben, denn er redet nur von ihm
tz^!suten Fällen und letzteres widerspricht der thatsäcklichen
Äderung Kügelins

"'gelin

und

Ebensowenig kann er beweisen, daß
die Mutter Wochen und Monate abgewartet

w der Hoffnung, daß sich das Verlangen der guten
wieder regen werde, und daß flehentliche Bitten wie
der o‘uSen au ihrem Widerstande scheiterten. Davon steht in
^eig ^ensbeschreibnng Kügelins kein Wort. Woher weiß
»icht ^ baß mit der Zeit die Abmagerung der guten Betha
er^^^Zkblieben sei und eine wirklich außerordentliche Höhe

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ldxis, '1 ^k>e und sie ein lebendes Skelett geworden sei. Das
tz^^ger alles von Charkot, denn der muß es wissen.

Sfe,

et ^ ihre Behandlung übernommen hat, doch nein, weil
sv^^^wiedene Symptome an verschiedenen hysterischen Per-
üm .^"chvgenommen hat, müssen diese nach Geigers Annahme
W("~l H1’ öuten Betha zutreffen. Ob sie passen oder nicht,
^stepu ^Eiger sehr gleichgültig. Die gute Betha ist einmal
' Ul.lk bleibt hysterisch, das wissen wir von Charkot.
x)hrx,? ^eil wir uns an den „unverwerflichen Augen- und
ÄG, ^ugen Charkot halten, sagen wir, daß nach unserer
%% r.11^ bie gute Betha wirklich und wahrhaftig gegessen hat,
^hrn ^"nlich bekommen konnte". Und wie hat sie sich die
"^mittel verschafft? Durch Stehlen, sagt Geiger.
t\X~ ^ hiefür auch auf Charkot berufen? Hören wir.
^ Ue Stumpfheit, sagt Charkot, hat die anfangs vor-
abgelöst, Gehen und

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^te'h'p,, "^natürliche Aufregung

^ ' i ind feit langer Zeit unmöglich geworden,
^ea Uten sind ans Bett gebannt, in dem sie sich kaum zu
M <L vermögen, die Muskeln des Halses sind gelähmt,
hiebetU'^ wie eine tote Masse ans den Kissen, die
^stcu„u kalt und cyanotisch (blansüchtig); man fragt sich
Mni (J^le bei einem solchen Verfall noch das Leben bestehen
H)ark^ welchem Recht kann Geiger sich auf dieses von
^tu„>^^bachtete Symptom berufen und trotzdem seine Be-
^e^einben ^^^)t erhalten, die gute Beta sei vom Bett anf-
und habe sich in Küche und Keller geschlichen um

Müssen wir sagen, daß Geigers Berufung auf seinen
Angen- und Ohrenzeugen Charkot eine verfehlte ist, so wollen
wir sehen, ob ihm Jolly günstigere Symptome für seine Dia-
gnose bietet, Jolly sagt: „Fast immer tritt, wenn die Kranken
(infolge der hysterischen Anorexie) scheinbar am Rande des
Grabes stehen, ein plötzlicher Umschlag ein. Das Symptom,
das allen Mitteln Trotz geboten, schwindet von selbst und die
Kranken erholen sich rasch." Was hat Geiger im Auge ge-
habt, als er sich auf diesen Ausspruch Jollys berief? Nichts
anderes als den Bericht Kügelins, der also lautet: „Als die
liebe Elsebeth das Kreuz und Leiden Christi von innen und
außen also fleißig und ernstlich betrachtet hatte und das in
sich gebildet hatte, nach solchem Lauf der Zeit als ihr Ernst
in inbrünstiger göttlicher Liebe gewohnt war und zunahm,
da kam sie in solches Mitleiden mit Christus, daß sie anhob
zu siechen und bettlägerig ward und in solche Blödigkeit und
Krankheit kam, daß oft in ihr gehört ward ein Getön und
Prasseln und ein Brechen in gleicher Weise als ob ihre Ge-
beine in ihrem Leibe zerbrochen würden von übertrefflichen
Schmerzen und Mitteiden ihres geminnten Herrn Christi.
So kam sie auch manchsmal zu solcher Krankheit, daß man
sie versah mit aller Heiligkeit (den hl. Sterbsakramenten) und
daß man ihr die Sterbkerze anzündete und auch nicht anders
wußte, denn daß sie verscheiden wollte. Da sie das lange
Zeit trieb, einstmals da man sie mit den hl. Sakramenten
versah, da dänchte die Mutter, die ihr pflag, wie daß ihr
Antlitz übernatürlich schön und engelgleich wurde. Es ist
nicht eine natürliche Krankheit und Siechtum. Gott der Herr
will es also gehabt haben."

Bevor wir auf den Fall näher eingehen, müssen wir
wieder den Ausspruch Hnchards ins Gedächtnis rufen: Die

Hysterischen wissen nicht zu wolle», sie können nicht wollen
und sie wollen nicht wollen, und den Satz Richets: Die

Hysterie ist die Ohnmacht des Willens, die Triebe des sen-
siblen Lebens zu zügeln. Wo ist auch in diesem Fall die
Ohnmacht des Willens, die Willenlosigkeit an der guten Betha
zu entdecken, wo die Berechtigung zu erkennen, auf Hysterie
zu diagnosieren? Wir würden es uns gefallen lassen, wenn
Kügelin das Siechtum und die Krankheit der guten Betha
sowie ihr befürchtetes Verscheiden mit ihrem Fasten, »mit
Appetitlosigkeit und dem Mangel an genügender Ernährung
in Zusammenhang brächte, dann hätte die Berufung ans
Jolly einen Untergrund, denn dieser spricht von Kranken,
die infolge der hysterischen Anorexie an den Rand
des Grabes kommen, und von solchen sagt er, daß ein
plötzlicher Umschlag erfolge und daß das Symptom,
das allen Mitteln Trotz geboten, von selbst schwinde
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