Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 5.1854

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Deutsches

Zeitschrift

für bildende Kunst, Baukunst und

Kunflgeumbe.

V K-

ec.

Kunstblatt.

.. . , ,, *

Organ

der Kunstvereine von

Deutschland.

Unter Mitwirkung von

Kugle,r in Berlin — PassavanL in Frankfurt — Waagen in Berlin — Wiegmann in Düsseldorf — Schnaase

in Berlin — Förster in München — Eitelberger v. Edelberg in Wien.

Eriugirt nnn /. Eggers inMrlin.

T

M 5. , Donnerstag, den 2. Februar. 1884.

Inhalt: Die moderne Baukunst in Hannover. — Nachtrag zum Aufsatz über Adolph Menzel. — Pfälzische Studien. F. Kugler. (Schluß.) — Siegfried
Maßmann. Nekrolog. Ernst Förster. — Zeitung. Berlin. Halberstadt. — Kunstvcrnne. Geschichte des Albrecht-Dürer-Bereius zu Nürnberg. (Fort-
setzung.) — Anzeigen.

Die moderne Dlwkmrst in Aannovcr.

Ein Beitrag zur Kritik des heutigen Baulebens.

Seitdem die Benutzung der Dampfkraft für den Weltverkehr-
allgemein und für die heutigen Lebensverhältnisse von so unermeß-
licher Wichtigkeit geworden ist, hat auch die Architektur unverkennbar
eine neue Bedeutung gewonnen. Unmittelbar geschah dieses da-,
durch, daß das Gebiet baulicher Konstruktionen durch die Eisenbahn-
anlagen ein viel umfassenderes geworden ist, mittelbar aber durch
den Aufschwung, den das heutige Städteleben jenen Schöpfungen
verdankt. Neue Städte entwachsen wie durch Zauberschlag dem Bo-
den der Erde, ja selbst den alten wird's zu enge in ihren bescheide-
nen Ringmauern, in denen sie Jahrhunderte in behaglicher Ruhe
verdämmerten. Aus langem Schlummer zu neuem Leben erwacht,
sprengen sie ihr Prokrustesbette mit Macht, dehnen die alten Glieder
in jugendlicher'Kraft und verbreiten ringsum das Leben der Kultur.
Angesichts dieser imposanten Bauthätigkeit, welche das öffentliche und
private Leben einzelner Städte heul zu Tage entfaltet, drängt sich
uns unwillkürlich die Frage auf: Welchen Standpunkt hat die Kunst
in der modernen Architektur einzunehmen und welche Aufgabe haben
die Baumeister in dem Kunstleben der Gegenwart zu erfüllen?

Ein Blick auf die Geschichte der Künste zeigt uns, daß, je selbst-
ständiger und bestimmter seit dem Abschlüsse des Mittelalters sich
das Verhältniß der bildenden Künste zum Leben gestaltet hat, um
so mehr die Architektur ihre künstlerische Ebenbürtigkeit von ehemals
verloren hat und nur noch eine beschränkte Geltung neben den
Schwesterkünsten behauptet, eine Thatsache, die sich aus dem Ent-
wicklungsgänge der Künste im Allgemeinen erklärt. Das Bauwerk,
von vorn herein eine materielle Nothwendigkeit, gewann, wie bekannt,
eine künstlerische Bedeutung, als es einen geistigen Inhalt erhielt,
das heißt, als ein architektonischer Styl sich zu entwickeln begann.
Dies geschah dadurch, daß das geistige Bedürfniß des Menschen
das Bauwerk zum Allsdrucke der primitivsten menschlichen An-

V. Jahrgang.

schauungsweise, der von der Gottheit, machte. Insofern also die
Bailkllnst alis einer inileren Nothwendigkeit eiltftand ulld ihre Stel-
lung zum Leben ebenso gut wie die der bildenden Künste, der Poesie
und Musik ursprünglich eine absichtslose, ideale ist, hat sie dieselben
künstlerischen. Rechte, wie jene, zu beanspruchen. Die griechische so-
wohl, wie die christliche Baukunst haben beide die Verherrlichung der
Gottesidee zum Zwecke gehabt und in der Erfüllung dieser Aufgabe,
jede in ihrer Weise, ihre künstlerische Vollendung gefunden. Sie
vermogten sich in dieser idealen Stellung, wo Form und Inhalt ein
um seiner selbst willen Dastehendes, unzertrennliches Ganze bildeten,
dem Leben gegenüber so lange zu behaupten, als die Gottesidee die
anderen menschlichen Interessen unumschränkt beherrschte. Die klas-
sische Baukunst wurde mit der antiken Gottesidee unter den Trüm-
mern der alteil Welt begraben und auf ihnen erstand wie ein Phö-
llir die christliche Welt, in der die Architektur eine jener parallelen
Stellungen bis zum Schluffe des Mittelalters einnahm. Das Scep-
ter entsank der christlichen Baukunst erst, nachdem in dein großen
Jdeenkampse, welcher den Schülß des Mittelalters bezeichnet, das
katholische Dogma die Alleinherrschaft über die Geister eingebüßt
hatte und der große küllstlerische Zersetzungsproceß vor sich gegan-
gen war, welchem die bildenden Künste ihre helltige Unabhängigkeit
verdanken. Die Architektur war bis dahin die souveraine Kunst und
nur um ihrer selbst willen dagewesen; sie war selbst Zweck gewesen
ulld hatte alle geistigen und materiellen Kräfte sich unterthan ge-
macht. Jetzt wurde ihr Verhältniß ein arideres: Statt selbst Zweck
zu sein, sollte sie vielmehr Zwecken bienen. Je mehr von da an
materielle Interessen lind außerreligiöse Bedürfnisse vor: der Bau-
wissenschaft Gebrauch machten, je entschiedener das Nützlichkeits-
princip die Oberhalld gewann, um so mehr mußte auch der künst-
lerische Inhalt der Baukunst sich anders gestalten. Währeird im
Mittelalter die Macht des' christlichen Glaubens die Style ins Da-
sein gerufen und zu nationalen Eigentümern der christlichen Völker
gemacht hatte, zerklüftete sich von jetzt an das künstlerische Element
der Baukunst allmählig und wurde endlich dadurch ein Eigenthum
der Baumeister, daß deren Individualität dasselbe sich aneignete und
mannigfach gestaltete. Die Meister des kirchlichen Styls, wie Erwin

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