Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 5.1854

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Kugler in Berlin — Passavant in Frankfurt — Waagen in Berlin — Wiegmann in Düsseldorf — Schnaase

in Berlin — Förster in München — EiLelberger v. Edelberg in Wien.


Lriligirt m /. Eggers ill 38dm.

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Donnerstag, den 1. September.



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834.

Inhalt: Ueber Metaphysik des Schönen. Von Hotho. (Fortsetzung.) — Die erste allgemeine deutsche Gemälde-Ausstellung in München.' I. — Kupfcr-
umh. Denkmäler der Kunst zur Ueberstcht ihres Entwickelungsganges w., herausgegeben von Dr. Ernst Guhl und I. Caspar. Von C. Schnaase. (Fort-
setzung.) — Zcitung. Berlin. — Kunstvercine. Die Versammlung in München.

lieber Metaphysik des Schönen.

Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen zum Gebrauche für Vorlesungen
von Fr. Th. Bischer. Erster Theil. Reutlingen, 1846.

Von Hotho.

(Fortsetzung.) "

Wäre das Absolute nur die Macht über die Dinge, das All-
gemeine allein das Wesentliche, und jede Besonderheit nur gehalt-
los, dann bliebe das Schöne durchweg erhaben.

Als in sich reichhaltige Totalität jedoch sind seine unterschiede-
nen Seiten dem Absoluten nicht minder wichtig als deren Ver-
mittlung und Einigung. Es legt sich in seine Besonderheiten
auseinander. Es geht in sie ein. Dann ist das Besondere nicht
unwesentlich und beschränkt, sondern erscheint als das bcgrenztere
Allgemeine, erfüllt mit dem Inhalt und Wesen des Absoluten
und dadurch selbstständig und aus sich beruhend.

Für das Schöne ist dieser Punkt unerläßlich. Seine Gestalt
soll nicht einen überragenden Inhalt nur errathen lassen oder an-
nähernd abbilden. Sie soll unbedingt von ihm durchdrungen er-
scheinen, als seine nur ihm gebührende Form, die nun auch ihrer-
seits den Inhalt als den ihrigen giebt, ohne Fremdheit, Trennung
und Gegenüber.

Das Absolute, der eine Herr, die bewältigenden Naturmächte
sind solcher Gestalt nicht fähig. Nur das begrenzt Absolute kann
störungslos mit begrenzender Form Hand in Hand gehn. Die neue
Schönheit wird polytheistischer Art. Sie glaubt für Götter,
Menschen und Natnrobjecte an die Festigkeit freier Beschränkung.
Das wahrhaft Gewichtige und Waltende in jedem besonderen Ge-
biet nimmt sie als Individuum; das Individuelle um des Haltes
willen, den sein Inhalt ihm giebt, als in sich begründet und fest.
Ihr Ziel ist jenes ungehemmte Eintreten gediegenen Inhalts in seine
entsprechende Gestalt, die weder auf ihr nur gehörige Eigenheit
fußt, noch ihren Inhalt sich über den Kopf wachsen läßt. Wie sie
ihn in sich trägt, legt sie ihn offen zu Tage. Sie stellt ihn in so
voller Klarheit dar, daß nichts zurückbleibt und nichts dahinter in

V. Jahrgang.

trüber Tiefe oder überschwenglichem Hinweis. Man kann dies im
weiteren Sinne als plastische Schönheit bezeichnen. Wenn sie
gelingen soll, muß jede Seite alle Zufälligkeiten von fich abthun,
welche Individuen und Gegenstände von deren wahren Bedeutsam-
keit scheiden. Außen und Innen muß kein Raum übrig sein, wohinein
sich als heimlichen Schutzort das Particnläre, das nur sich selber zu
hieten hat, flüchten könne. Aus dieser Reinigung entspringt, ohne
Leben und Wirklichkeit abzutödten, das wahrhast Ideale. Je zwang-
loser sie erscheint, je mühelos fertiger vollbracht, um so freier wird
die Einigung von- Gestalt und Inhalt, und um so heitrer das ur-
sprüngliche. Zusammengehören beider.

Schon die Natur hat Zustände und Exemplare, in welchen, in-
dividuell belebt, die Gattung ungeschmälert zu klarer Erscheinung
kommt. Die Zufallslaune für Entstehen und Ausbildung läßt ihr
verkümmerndes Spiel bei Seite. Menschliche Gestalten und Cha-
raktere sind gleicher Plastik und Reinheit so zugänglich, daß selbst
der Phantasie der Wetteifer schwer fällt. Wächst die Kunst in sol-
cher Umgebung aus, dann, wie die griechische, gestaltet sie in der-
selben Art Götter und Menschen, Empfindung, Gesinnung, Thateu
und Handlungen.

Innerhalb dieser Grundform zuerst ist der Ursprung des Tra-
gischen und die muthwiüige Weisheit der Komik zu suchen.

Das plastische Ideal ermäßigt sofort das Erhabene zur Hoheit.
Die Hoheit umgrenzt ihren Inhalt näher und klärt die zur Aufnahme
geeignete Form in solchem Maaße, daß statt der individuellen Züge,
die regelloser und wechselnd sind, durchgreifend nur das Bedeutsame
heraustritt. Sie hält das Individuum in strenge Schranken, damit
es das Gewichtige nicht verhülle. Die lebendig bestimmte Form
hat schon genügenden Werth, nur den gleichen nicht, der dem In-
halt gebührt. ...

Um so selbstständiger erscheinen in dieser Hoheit Götter und
Helden. Bleiben sie, jeder individuell ein gehaltreiches Ganze, voll
Thatkraft, doch ohne Thätigkeit, so schweigt noch ihr Kampf. Zu
vermeiden ist er letztlich in keinem Fall.. Je mehr jede hohe Gestalt
auf sich selber beruht, und von dem nicht ablassen kann, was sie ist
und sein muß, jemehr zur Erfüllung ihrer Zwecke und Leidenschaf-

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