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mußte an dessen Westrand ausweichen. Hier
kam es, südwestlich des heutigen Staats-
theaters zu einem Versprung in der sonst
schnurgerade verlaufenden Promenaden-
achse, da die Trasse des heute Theaterwall
genannten Abschnittes beim Übergang in
den heutigen Magnitorwall auf eine alte We-
geführung stieß, den Sandweg, der in seinem
Verlauf nicht ganz in die achsiale Ordnung
des nordöstlichen Wallgebietes paßte. Der
alte Sandweg, heute der Teil des Magnitor-
walles zwischen dem Theater im Norden und
dem Herzog Anton Ulrich-Museum im Sü-
den, mußte in seinem Verlauf und der achsia-
len Ausrichtung übernommen werden, wo-
durch er für den ganzen südöstlichen Be-
reich der Wallanlagen zur vorgegebenen
Richtschnur für die Anlage der Wegeachsen
wurde. Das historisch und städtebaulich Ver-
bindende zwischen diesen beiden Promena-
denabschnitten lag in ihrer Funktion als west-
liche Begrenzung des Fürstlichen Parkes, zu
dem am Ende des Steinweges, an der Stelle
des heutigen Theaters der Eingang lag, flan-
kiert von zwei kleinen, nach Entwürfen Kra-
hes errichteten Wachhäuschen. Schon um
1800 hatte Herzogin Augusta das Gelände
der beiden alten Bollwerke Anton und Ulrich
in der Absicht gekauft, hier einen Park nach
englischem Vorbild anlegen zu lassen. Er war
sowohl als Ergänzung des durch räumliche
Enge und antiquierte Anlage wenig ge-
schätzten Parkes am Schloß als auch für das
Vergnügen der Öffentlichkeit eingerichtet
worden. Geplant und ausgeführt wurde die
Gartenanlage von dem anhalt-dessauischen
Hofgarteninspektor Schoch, der durch die
Gestaltung des Wörlitzer Parkes bekannt ge-
worden war. Ein abwechslungsreiches Spiel
von Rasenflächen, Beeten und Baumgrup-
pen, die durch gewundene Wege mit Ruhe-
plätzen und Aussichtspunkten verbunden
waren, war das charakteristische, an engli-
schen Vorbildern orientierte Gestaltungsprin-
zip dieses Gartens. Besonderen malerischen

Theaterwall 19, ehern. Gartenhaus, 1804/05,
Architekt P. J. Krähe


Reiz erhielt der Park durch die spezielle topo-
graphische Situation der beiden Bollwerkhü-
gel und der Okerumflut im Osten, beides Ele-
mente, die geschickt in die Gesamtplanung
integriert worden sind. Im Gegensatz zu an-
deren neugeschaffenen Parkanlagen aus
derzeit um 1800 spielt bei dieser Anlage die
Ausstattung mit Architekturen fast keine
Rolle. Neben einer1897 abgerissenen kleinen
Eremitage im südlichen Bereich des Gartens
gab es nur ein Gartenhaus am Nordrand des
Geländes, das heute noch weitgehend erhal-
tene, von Krähe entworfene Haeckelsche
Gartenhaus, das in den neu angelegten Park
bereits in den Jahren 1804/05 integriert
wurde (Theaterwall 19). Der kleine, in der ku-
bisch blockhaften Manier Krahes entworfene
Bau war von dem Geheimen Legationsrat
und Canonicus von St. Blasien, Johann Phil-
ipp von Haeckel in Auftrag gegeben und im
nordöstlichen Bereich des Gartens, nahe der
Oker plaziert worden. Die ursprünglich nach
Norden freie, auf eine große Wiese sich öff-
nende Hauptfassade des Gebäudes ist
heute durch die dicht herangerückten neuen
Magazingebäude des Theaters sehr be-
drängt und ihrer optischen Wirkung weitge-
hend beraubt. Auch der nachträglich erfolgte
Umbau zu einem zweigeschossigen Wohn-
haus brachte für die architektonische Sub-
stanz selbst schwerwiegende Veränderun-
gen. Die Hauptfassade des in Haupt- und
Mezzaningeschoß geteilten casinoartigen
Originalbaues unterdrückte im Aufriß die
Zweigeschossigkeit durch die Stellung von
kolossalen dorischen Säulen, die zwischen
den seitlichen ungegliederten Mauerstreifen
drei breite Öffnungen ließen, in denen hohe
Fenstertüren zur Belichtung eines kleinen,
dahinterliegenden Gartensaales saßen. Seit-
lich um diesen zentralen Raum waren in
zwei Geschossen die privaten Räume grup-
piert, die die Nutzung des Gebäudes als
Sommerhaus ermöglichten. Auf dem Gebälk
dieser das Portikusmotiv abwandelnden
Hauptfront befand sich die Inschrift „Otio et
Solitudini“, in der die Zweckbestimmung des
Hauses als Ort der Muße und des beschauli-
chen Zurückgezogenseins Ausdruck findet.
Mit der späteren Vermauerung der hohen
Öffnungen der Hauptfront sind die Säulen zu
Halbsäulen geworden und haben ihren ur-
sprünglichen Sinn eingebüßt. Erhalten blieb
das flachgeneigte Walmdach über einem
weit vorkragenden Dachgesims mit flachen,
glatten Konsolen.
Seine geschlossene, langgestreckte und ei-
nen großen Teil des östlichen Wallgebietes
einnehmende Form behielt der Fürstl. bzw.
Herzogi. Park nur wenig mehr als fünfzig
Jahre. Mit dem Bau des Staatstheaters ab
1859 (Am Theater 1) in der Mitte des Parkes
am östlichen Ende des Steinweges wurde
das Gelände in eine nördliche und eine südli-
che Hälfte geteilt, die nur noch auf der Rück-
seite des Theaters durch einen schmalen
Grünstreifen am Okerufer miteinander ver-
bunden waren. Der Neubau des damals
noch herzoglichen Theaters wurde mit einer
großzügig breiten, spangenförmigen Umfah-
rung umgeben, die sich vor der Hauptfas-
sade im Westen zur Stadt hin auch heute
noch zu einer weiträumigen Platzfläche öff-

net. Der Theaterbau selbst, in den Jahren
1859-1861 von den Architekten C. Wolf und
H. Ahlburg errichtet, wurde als Point de Vue
an das Ende des Steinweges gesetzt, der zur
Erbauungszeit des Theaters hier endete und
noch nicht, wie seit dem Ende des 19. Jh., hin-
ter dem Theater über die Oker hinweg mit
der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße, der
heutigen Jasperallee, in die neu aufgesiedel-
ten Stadterweiterungsgebiete führte.
Der auf allen Seiten freistehende Theaterbau
beeindruckt in erster Linie durch seine ins
Monumentale gesteigerte vornehme
Schlichtheit sowie die Regelmäßigkeit und
Symmetrie der Anlage, die in dem aus der
Mitte des Baukomplexes hoch herausgeho-
benen Bühnenhaus gipfelt. Für die Verklei-
dung des Baues wurden scharf geschnitte
Sandsteinquader verwendet, die in den bei-
den streng voneinander geschiedenen Ge-
schossen in der Größe differieren. Mit seinen
langen Reihen gleichmäßig gestalteter Rund-
bogenfenster und dem auf Volutenkonsolen
vorspringenden Kranzgesims mit aufgesetz-
ter Attika macht der gesamte Bau einen ka-
stellartig wehrhaften Eindruck und erinnert
an toskanische Stadtpaläste der Frührenais-
sance. Der Originalbau, ohne die nachträgli-
chen Osterweiterungen von 1902/04 und
1964/68, ist übereinem bemerkenswert straf-
fen Grundriß errichtet, der Bühne und Zu-
schauerraum in einem zentralen, herausra-
genden Kernbau zusammenfaßt, dem im
Westen und Osten jeweils ein Querbau vor-
gesetzt ist, die wiederum an den Längsseiten
mit leicht zurückspringenden Trakten unter-
einander verbunden sind. Dem Foyer im We-
sten ist eine in hohen Rundbögen geöffnete,
heute verglaste Auffahrt vorgelegt, die zu-
sammen mit dem darüberliegenden Balkon,
der über fünf Fensterachsen vorgezogenen
Fassadenmitte und dem bronzenen Akrote-
rion aus Greifen, Leier und Schwan die zur
Stadt gerichtete Hauptfassade wirkungsvoll
akzentuieren. Den beträchtlichen Kriegs-
schäden fiel die gesamte Innenausstattung
zum Opfer, so daß sich heute in dem als re-
konstruierender Wiederaufbau zu bewerten-
den Theaterbau eine moderne Innengestal-
tung und neue Bühnentechnik befinden.
Seine städtebaulich exponierte Lage und die
für einen Theaterbau außergewöhnliche
Formgebung machen das Bauwerk zu ei-
nem der architektonischen Kernstücke
Braunschweigs. Darüber hinaus hat das Ge-
bäude überregionale Bedeutung und nimmt
unter den Theaterbauten Deutschlands ei-
nen hervorragenden Platz ein.
Bis 1890 führte östlich des Theaters nur ein
schmaler Steg über die Oker, der den Park
mit dem herzoglichen Küchengarten auf der
anderen Seite des Flusses verband. Im Rah-
men der planmäßigen Erweiterung der Stadt
im Osten und speziell in der Folge der An-
lage der Kaiser-Wilhelm-Straße, heute Jas-
perallee, wurde an dieser Stelle eine Straßen-
verbindung notwendig, mit der die neuen
Stadtgebiete auf kurzem Wege über Theater
und Steinweg an das Stadtzentrum ange-
schlossen werden konnten. Dies bedingte
den Neubau einer breiten Brücke, die den
auf dieser neuen Verkehrsachse zu erwarten-
den dichten Verkehr bewältigen konnte. 1890

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