Fliegende Blätter — 2.1846 (Nr. 25-48)

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Die deutsche Dam

Bilder beschaut und geprüft, und schnell erwachte der Vorsatz
in ihr, Mittags tn'8 berühmte Putzwaaren-Magazin der
Madame Z*** zu fahren. „SD, wenn ich nur zwei so ähn-
liche Stoffe zu Ueberröcken fände!" war der schönen Dame
Morgengebet und es trieb sie heute zeitlicher als sonst zur
Toilette. Diese Toilette währte aber volle zwei Stunden,
denn sie wurde durch die verschiedenartigsten Unterbrechungen
in die Länge gezogen, während dem die arme Zofe an der
Seite ihrer Tyrannin vergeblich Schildwache stehen mußte.
Beim Frisiren erst begann ihre volle Activität, aber auch der
Höllenmoment ihres Daseins, denn zwei- bis dreimal mußte
die Frisur verändert werden, oder flog das Häubchen der
Dulderin an den Kopf, je nach der Laune der Dame von

gutem Ton. Nach vollendeter Toilette begab sich die Gräfin
in den Salon, ordnete die Albums und Almanache auf den
Tischen, und legte Imerötelle's Histoire än Oousulat et äe
1 Empire zurecht, um den täglichen Visiten glauben zu machen,
sie besäße sich nicht blos mit Romanen, sondern auch mit
den neuesten, ernstern Erscheinungen der französischen Literatur.
Dem war aber nicht so. Unsere niedliche Gräfin kannte von
Allem dem keine Sylbe, und blickte sie zuweilen in ein Buch,
so waren es nur die krankhaften Romane irgend eines
modernen Franzosen, die ihr einiges Jnteresie einflößten.
Deutsche Literatur ist für den guten Ton viel zu plump, viel
zu langweilig. Vieles Nachdenken gehört auf den Katheder,
nicht in die witzsprudeln-wollenden Räume eines heutigen
Zalons. Dafür paßt am besten französische Witzelei und
Frivolität. Alles Rationelle trägt den Stempel der Gemein-
heit oder der Demagogie, vielleicht deßhalb, weil man das
Tiefere unsers deutschen Gemüthes und unsere Gediegenheit
in diesen Sphären nicht zu begreifen vermag.

von gutem Ton.

Mit Ungeduld harrte die Gräfin der ersehnten Stunde,
welche ihr die neuesten Stoffe zu den beiden Ueberröcken vor
Augen bringen würde. Bis zwei Uhr hatte sie den Wagen
bestellt. Früher das Haus zu verlassen, wäre ein Verstoß
gegen die gute Sitte. Ungeduldig schritt sie im Gemache
auf und nieder, warf sich bald in diesen, bald in jenen Arm-
stuhl, und blätterte in den unzähligen Albums und Taschen-
büchern, mit Neid die lieblichen Frauengesichter in denselben
betrachtend. Die arme Dame empfand schon wieder Lange-
weile. Der Tag ist für diese Geschöpfe zu lang, viel zu lang.
Mit Schaudern sehen sie dem Wachsen desselben entgegen,
indes; wir es mit Entzücken beobachten und uns der süßen
Hoffnung der baldigen Erlösung von den städtischen Winter-
qualen erfreuen.

Der anglomanisirte Bediente meldete den Wagen. Hastig
sprang die Gräfin vom Stuhle auf, schellte der Zofe und
befahl Hut und Shawl zu bringen, dann trat sie vor den
Spiegel, setzte den eleganten Rosahut aus das niedliche Köpf-
chen, wobei sie mit den kokettesten Mienen wohl hundertmal
in das schmeichlerische Glas blickte und hüllte sich in den
schweren Shawl. Das zarte Füßchen stampfte vor Ungeduld
den Boden, als die engen Handschuhe, trotz aller Elasticität,
sich dennoch der Hand nicht fügen wollten, langte sodann nach
dem parfümirten Schnupftuche und hüpfte die Treppe hinab.
Die elegante Kalesche fuhr vor. Auf dem hohen Sitze saß
ein junger Mensch, von Geburt aus mit schwarzem Kopf-
haare begabt, der Anglomanie aber und des guten Tones
halber mit einer weißen Perrücke angethan. Dieser Pseudo-
Britte war aus dem Torfe Feldmoching gebürtig, einer Ort-
schaft in einer reizenden, der Lüneburger-Haide ähnlichen
Gegend gelegen. Sechs Jahre anglomanischer Stallstudien
hatten ihn zum würdigen Perrücken-Träger emancipirt und
dem deutschen Michel englisches Halbblut in die Adern rinnen

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Die deutsche Dame von gutem Ton."
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Stauber, Carl
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Haube
Dienstmädchen <Motiv>
Kutsche <Motiv>
Wut <Motiv>
Dame <Motiv>
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 2.1846, Nr. 37, S. 98 Universitätsbibliothek Heidelberg
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