Fliegende Blätter — 3.1846 (Nr. 49-72)

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Herzog Christophs Wurf und Sprung.

Hl3S

ausgeh'n hie zu München, gleich in der allerersten Woch !?
Aber — Ihr — Ihr seid in des Herzogs Diensten? So
habt Jhr's doch noch zu was gebracht? Ich hält' keinen Hel-
| 1er für Euere ganze Hoffnung gegeben. Nichts für ungut,
aber das Treiben gefiel mir gar nicht und dacht'. 's muß
' Euch bald schlecht geh n, weil sich die Armulh nicht leicht
darniederringen läßt, das Glück nicht wie der Vogel in der
Luft fliegt, daß es der bessere Schütz' alle Zeit herunterschießt
und Geld kann Einer auch nit erspringen. Nun, mich freut's,
daß es Euch gut geht. Und nun sagt dem gnädigsten Her-
zog meine Unterthünigkeit und sei ganz zu seinen Diensten."

„Behüt' Euch Gott, Meister!" sagte Philipp, nebenbei
den Rathsherrn kalt grüßend. Dann, sich wendend, warf er
einen Blick auf den hl. Johannes. „Den Johannes kauft
Euch der Herr Herzog ab", warf er hin, „er hätte längst
gern einen schönen gehabt für die schwarze Kapell. Sollt
sehen, er kauft ihn. Gott befohlen, Meister Hans!"

Damit ging er. Dem Herrn Florian standen die kalten
Schweißtropfen auf der Stirne, denn es war rein erlogen,
daß er beim Herzog zur Tafel geladen sei.

„Ihr kennt also den Philipp?" fragte er, die Stirne wi-
schend, den Bildschnitzer, dem die Worte über den hl. Johannes
ein befferes Ziel vor Augen setzten.

„Freilich kenn' ich ihn, wohlweiser Herr", entgegnete er,
„ich kenn ihn nur gar zu gut und was er möchte. Er bil-
dete sich zu Landsberg schon ein, meine Gertraud sei wie für
j ihn gewachsen — und nun er wieder da ist-!"

„Der kecke Bursche, der!" sagte Herr Florian — „wo
| er nur den Muth hernimmt, der unerfahrene und wie man
augenscheinlich sieht, höchst leichtsinnige Mensch und äußerst
j windflüchtige Geselle!"

„Da thut Ihr ihm unrecht, wohlweiser Herr", entgeg-
nete der Bildschnitzer, „er ist, was seine Sitten betrifft, vor
allem Tadel sicher. Gestattet mir jetzt nur einen Augenblick
! nach Gertraud zu sehen —." In diesem Augenblicke trat sie
j ein. „Nichts ist's mit dem hl. Johannes", flüsterte er ihr zu,
„sag' dir schon, warum." Darauf wendete er sich zu Herrn
! Florian und sagte: ..Wohlweiser Herr, seid nicht befremdet,
daß Ihr meine Tochter in besserem Gewände seht — es ist
nur Euerer Gegenwart zu Ehren."

Herrn Florian fuhr es, wie fünftausend goldene Hoff-
nungen durch den stopf, und er sagte ihr alles mögliche Schöne,
was ihn noch verhaßter machte, als er ihr beim Eintreten ge-
worden, da er eine so glückselige, dabei lüsterne Miene gezeigt,
als einem Graukopf gar am schlimmsten steht, und so zucker-
süß gelächelt. als ob ihm das ganze Gesicht aus dem Leime
ginge. Meister Hans schritt, Ein und das Andere ordnend,
in der Werkstatt hin und her, und Herrn Florian schien die
Gelegenheit zu günstig, als daß er nicht versucht hätte, einen
Kuß aus Gertrauds Hand zu drücken Sie wurde ihm aber
rasch und unwillig entzogen, und die Bemühungen, ihre zorn-
glühenden Wangen zu streicheln, fielen auch nicht besser aus.

„Ei, ei", flüsterte der lüsterne Rathsherr kichernd, „was
Ihr doch furchtsam seid!" Er blinzte nach dem Vater, der,
mit Gedanken an Herzog Christoph beschäftigt, wie gar nicht

da war, daraus Herr Florian, zu Gertraud gewendet, äußerst
pfiffig die Augenbraunen hinaufzog und mit dem Zeigefinger
der rechten Hand drohend, raunte: „Ich weiß Alles. Aber
laßt es nur gut sein, er soll Euch nichts anhaben. Ihr ver-
dient etwas ganz Anderes."

„Ich versteh Euch nicht" , sagte Gertraud mir lauter
Stimme, so daß der wohlweise Herr Hupfinsland zusammen-
fuhr. während er zugleich auf den Vater blickte, der von nichts
Bösem träumte. „Desto beffer, wenn Ihr mich nicht versteht",
sagte jener überfreundlich — „um die zehnte Stunde werdet
Ihr mich oft an Euerem Fenster sehen, mein süßes Leben."
Gertraud warf ihm einen Blick der Verachtung hin, und ging,
gleichsam ihn wegbannend, auf den Vater zu, während der
alte Sünder süßlächelnd und mit der ringblitzenden Rechten
ihr unausgesetzt Grüße zuwinkend, auch dahin folgte.

„Also schnitzt mir den Apostel Petrus, Meister Heidelolf",
sagte er. „wie ich ihn bestellt. Ich werde schon nachschauen;
haben vielleicht noch gar Manches zu besprechen. Gott befoh-
len, holde Gertraud!"

„Seid nur nicht seltsam", sprach der Bildschnitzer, „und
wohl schmeck' es an des Herzogs Tafel!"

„Pst, das laßt," fiel der Rathsherr ein, „es handelt sich
um geheime Conferenzen, und das Essen wird wohl die Neben-
sache bleiben. Ich Hab' es Euch zudem aus ganz besonderen«
Vertrauen gesagt —"

„Versteh'," entgegnete Jener — und alsbald keuchte der
wohlweise Herr Florian die Treppe hinunter.

In ihrem ganzen Leben war Gertraud nie so unmuthig
geworden, und sie nahm sich fest vor, den kecken Rathsherrn
beim Vater zu verklagen. Sie trug die zwei Schüsseln wieder
herein, lieber Mittag kam kein Wort über des Bildschnitzers
Mund. Als sie gegessen, sagte Heidelolf: „Gertraud, behalt
dein schönes Gewand an, denn der Herzog Christoph kommt."
Dabei sah er sie fest an. Sie sagte nichts.

„Ich glaub' gar, du weißt es schon?" fuhr er fort.

„Freilich weiß ich's, Vater."

„So weißt auch —• wer da gewesen ist?!"

„Wohl weiß ich's, Vater. Der Philipp war da. der
hat mir's gesagt."

„Da soll ja gleich —! Gertraud, ich rath' dir, setz' dir
nichts mehr in den Kopf, weil dir der Philipp wieder in den
Wurf gekommen. Es war nichts, ist nichts und wird nichts.
Gleich sagst du mir, was er gesprochen hat!"

„Soll ich, Vater?"

„Ich will's haben."

„Nun denn, wenn's sein inuß — vom Herrn Hupsins-
land hat er gesprochen, und daß er ein wilder, heimtückischer
Feinspinncr sei, der 's dick hinter den Ohren hat und dem
gar nichts werth ist —"

„Hat er gesagt?"

„Und gar nichts heilig ist."

„Hat er gesagt?"'
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