Fliegende Blätter — 30.1859 (Nr. 705-730)

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98 Der tapfere

und bald vereinigte sich mit ihrem Feuer das der stärksten
unter den Kehler Verschanzungen, der sogenannten Kirchhof-
redoute. Eine furchtbare Kanonade antwortete vom jenseitigen
Ufer aus den schweren Stücken der Straßburger Citadelle,
und Fluß ans- und abwärts fing es an zu krachen und zu
donnern. Auf der ganzen Linie von Schreck bis Hüningen
begannen wie mit einem Schlag die feindlichen Geschütze ihr
Nächtliches Feuer.

Betäubt war der Grenadier eine Weile dagestanden, als
alle diese Ereignisse in blitzschneller Aufeinanderfolge auf ihn
hereinbrachen, dann eilte er rasch seinem Piket zu. Aber als
er dem Damm nahe kam, hinter dem es gehalten hatte, wälz-
ten sich bereits dunkle Massen vom Flusse her über diesen hin,
er hörte das Klirren der Gewehre, die Commandowörter der
Offiziere und das wilde Jauchzen der Menge: „vive la repu-
blique!“ Er war abgeschnitten, ein ganzes Armeekorps, von
dichten Tirailleursschwärmen flankirt, schob sich im Sturm-
marsche zwischen ihn und die Seinen hinein. Bald vernahm
er aus der Ferne das scharfe Feuer der aus dem Lager von
Willstett herbeieilenden Abthcilnngcn des schwäbischen Haupt-
eorps. Er eilte, so schnell er konnte, landeinwärts, um irgend-
wo durchzukommen, allein es war nirgends mehr möglich,
das ganze Ufer war angefttllt mit Tirailleurs, und er hatte
es nur seiner blauen Uniform und dem Dunkel der Nacht zu
verdanken, daß er unverletzt davonkam. Der Weg war und
blieb ein für allemal versperrt; wenn cs Tag wurde und man
in ihm den Feind erkannte, so war er gefangen. Dagegen
konnten die Franzosen von den vereinigten schwäbischen Trup-
pen am folgenden Tage wieder über den Fluß geworfen wer-
den und dann war die Straße frei. So warf er denn schnell
entschlossen sein Gewehr über die Schulter und schritt einem
kleinen Dorfe zu, das eine halbe Meile Flußaufwärts lag
und wo er in müßigen Stunden ein gar trauliches Wirth-
schäftchen ansgekundschaftct hatte, in dem man für ein Paar-
Batzen einen trefflichen Trunk seines heimischen Gewächses
ausschenkte. Dort wollte er vorerst abwarten, wie der Kriegs-
trubel verlaufen würde, und darnach mit reiflicher Ueberlegung
seine Maßregeln ergreifen. Bald saß er hinter dem bekannten
Tische und erzählte den zitternden Bewohnern die Schrecken
dieser Nacht.

Freilich, was er am andern Morgen hörte, war wenig
erfreulich und beruhigend. Den Jnfanterie-Colonnen, die den
nächtlichen Ueberfall ausgeführt hatten, waren in der Frühe
auf einer rasch geschlagenen Brücke Reiterei und Artillerie
nachgcfolgt und noch immer strömte cs in unabsehbaren Massen
herüber. Es war kein Zweifel mehr, — Moreaus ganzes Heer
war übergesetzt und verbreitete sich bereits nach allen Richt-
ungen hin landeinwärts. Der Einbruch war geschehen und
vollständig gelungen. Die nächsten Tage brachten Weiteres.
I Das schwäbische Contingent wurde von einer überlegenen Macht
in's Kinzigthal gedrängt und in die Schluchten des Schwarz-
waldes geworfen, die feindliche Hauptmacht aber zog nach
Norden und vertrieb die österreichischen Truppen in einer Reihe
- blutiger Gefechte ans einer Position nach der andern. Des Mörs-

Mörsburger.

burgers Miene wurde immer bedenklicher, er zog seine Uniform
aus, verbarg sie sammt der Armatur bedächtig unter einem
Heuhaufen in der Scheune und entlehnte sich dafür eine ein-
fache Bauernkleidung. „'S wird schon noch eine Weile dauern, !
bis die Straße wieder frei wird", sagte er zu den Wirths-
leuten; aber ich will mein Essen abverdienen, bis bessere
Zeiten kommen." Sie waren's wohl zufrieden, den kräftigen
Soldaten als Arbeiter und Beschützer zu haben in der bösen
Zeit und der tapfere Grenadier war ein fleißiger, treuer Knecht.
Die Leute wollten daher schon jammern, als die neue Kunde
anlangte, der schwäbische Kreis habe mit den Franzosen Frie-
den geschlossen, und die Mannschaften desselben ziehen nach
Hause. „Jetzt könnt Ihr ruhig auch heimkehren", sagten sic
im kläglichen Tone zu dem Grenadier. „Bin ich euch übrig?"
fragte dieser. „Nein, gewiß nicht", antworteten sie, „aber wozu
wollt Ihr hier noch länger warten? Euere Leute kehren auf
anderen Wegen in ihre Hcimath zurück und kommen nicht
mehr hieher in unsere Gegend, und Ihr werdet doch nicht
j ewig hier bleiben wollen, so lieb's uns wäre, wenn Ihr bei
uns bliebet." „Gut, so laßt mich hier", antwortete er, „ich
Hab' meine Gründe, daß ich nicht fortgehe; ich bleibe, ich muß
bleiben, 's wär ein Unglück, ein großes Unglück für Kaiser
und Reich, wenn ich nicht bliebe." Die Leute staunten, frag-
ten aber nicht weiter, sondern ließen gerne geschehen, was ihnen
ohnedem erwünscht war. Und der Grenadier sprach auch kein
Wort mehr über die Sache, sondern arbeitete den Tag über
fleißig in seinem Dienste; Abends aber, wenn das Tagwerk !

! gethan war, stülpte er seine Feldmütze auf den Kopf, ließ sich |
von seinem Brodherrn einen Schoppen Mörsburger einschen- |
ken, den er baar bezahlte, und setzte sich zu den Gästen um :

■ Neues zu hören und zu politisiren.

Bald hatten ihn die Bauern alle lieb gewonnen, so daß
ihnen der Abend eigentlich erst von dem Zeitpunkte anfing, wo
der Mörsburger in's Zimmer trat und sich zu ihnen setzte. 1
Besonders willkommen kamen ihnen in der bewegten Zeit seine ;
Kenntnisse im Kriegshandwerk. Denn das mußte man dem Grena- !
dicr lassen, den Dienst verstand er, wie nicht leicht einer, und
von seiner Instruktion konnte er ganze Seiten aus dem Ge- j
düchtnisse hersagen, wenn man's haben wollte.

Da malte er ihnen denn alle Operationen von Freund
und Feind mit der Kreide auf den Tisch hin und ließ die
Armeekorps vorrücken, attaquiren und geworfen werden, daß es
eine Freude war. Ja er wußte oft im voraus zu errathen, j
was geschehen würde. „Gebt acht, da setzt's was," sagte er,
„das ist ein fester Punkt, den lassen sich die Oesterreicher nicht
nur so mir nichts, dir nichts nehmen": Und richtig einige
Tage darauf kam häufig die Nachricht, daß man eben an dem
von ihni bczeichnctcn Orte scharf aneinander gerathen sei.

Nur in Einem schien er den Bauern über die Grenze
des Erlaubten hinauszngehen, und konnte seine unbegreifliche
Sicherheit und Hartnäckigkeit im Behaupten sic ernstlich böse
machen. Mit unwiderstehlicher Gewalt drang die große fran-
> zösische Armee unter Moreau in Schwaben vor und drängte
: den tapferen Erzherzog Carl bis tief nach Bayern hinein zu-
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