Fliegende Blätter — 30.1859 (Nr. 705-730)

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So Du mir, so ich Dir.

(Schluß.)

„Zurück, mein Herr!" ries das Mädchen, den bittend
nach ihr ausgestreckten Arm mit Entrüstung fortfchleudernd
— „wenn Sie noch einen Funken von Mitleid mit mir
haben, so erfüllen Sie meinen Wunsch, daß ich mit dem
heutigen Tage Ihrer verhaßten Nähe enthoben werde — mehr
verlange ich nicht. Erfüllen Sie ihn aber nicht, dann sollen
Sie erfahren, was ein zum Tod beleidigtes Weib vermag"
und ehe er ihr nur eine Sylbe erwiedern konnte, verschwand
sie durch die Thür, und warf sie wieder hinter sich in's Schloß.

Salomo Schönbein blieb in peinlicher Verlegenheit, wie
sie ihn verlassen hatte, noch eine Weile stehn. Seinem scharfen
Ohr entging aber nicht, daß das gereizte Mädchen wirklich
draußen auf dem Vorsaale mit raschen Schritten auf und ab
wanderte — sie wartete, bis die ihm gestattete Frist abge-
laufen war, und er selbst befand sich jetzt in der peinlichsten
Verlegenheit. — Aber was sollte er thun? Noch einmal die
Trauungscerenionie durchmachen, und sich dann durch die be-
leidigte schöne Furie mit einem Nein blamircn zu lassen?
es war zu entsetzlich, wenn er auch wohl gut genug fühlte,
wie gerecht das Verlangen war, und wie sehr er cs verdient
hatte. Und weigerte er sich, — die erzürnte Schöne da draußen
wäre zu Allem fähig gewesen, und wenn Sie jetzt zu Hanke
& Blenkert ging, konnte Alles schief gehen.

Noch wußten diese von Nichts, und brachte er heute
seine früheren Principale dahin, die Verlobung mit ihrer
Tochter und Salomo Schönbein nur zu deklariren, so konn-
ten sie dann nicht mehr zurück, mochte geschehen sein, was da
wolle. Er selber wollte dann schon vorbauen und in günstiger
Stunde seiner zukünftigen Braut die Sache so erzählen, wie
sie für ihn am günstigsten lautete. Lief aber das gereizte
Mädchen jetzt hinauf, und erzählte Alles was sie wußte, so
brauchte sie das Ganze nur noch ein wenig auszuschmücken,
und er war verloren — seine Stellung zu Hanke & Blenkert
und zur Tochter des Geschäfts für immer ruinirt.

Fügte er sich also der kleineren Unannehmlichkeit und
schwor ihm Fanny, daß sie die Sache als Gehcimniß be-
wahren und ihre Freundinnen ebenfalls dazu verpflichten wolle,
so durfte er doch wenigstens hoffen, daß sie nicht vor den
nächsten 14 Tagen ruchbar wurde und bis dahin konnte er
aufgeboten und getraut sein.

„Haben Sie sich entschlossen?" fragte da plötzlich Fanny,
die wieder mit eiserner Ruhe auf der Schwelle erschien.

„Ja," stöhnte Salomo, „ich fühle, daß ich Ihnen diese
Genugthuung schuldig bin — Sie können es von mir ver-
langen."

„Es ist gut — so kommen Sie —"

„ Aber vorher müssen Sie mir schwören, daß Sie gegen
Niemanden Gebrauch davon machen wollen?"

„Wie meinen Sie das?" fragte die Jungfrau kalt.

„Daß Sie — daß Sie Niemanden das, was heute
geschehen wird, erzählen" sagte Salomo etwas verlegen.

„Glauben Sie, daß ich mit meiner eigenen Schande
prahlen werde?" rief Fanny.

„Mißverstehen Sie mich um Gottes Willen nicht," bat
Salomo, dem jetzt nur vor allen Dingen daran lag, die Er-
zürnte nicht noch mehr zu reizen. „Ich Einte mit dem sie
nicht S i e mein Fräulein, sondern die beiden jungen Damen,
die wahrscheinlich auch heute Zeugen sein werden. Wenn Sie
die dazu verpflichten wollten —"

„Gestern stellten Sie die Bedingung nicht", sagte
Fanny, mit bitterem Lächeln auf den früheren Bräutigam
sehend, „aber es sei. Ich nehme das zugleich als ein Ge-
ständniß, daß Sie wenigstens in etwas Reue fühlen und jetzt
empfinden, wie tief Sie mich eigentlich beleidigt. Ich verspreche
Ihnen also dafür zu sorgen, und glaube, Ihnen davon Schweigen
verbürgen zu können. Sie sollen es mir schwören. Aber jetzt
fort — die Zeit vergeht und wir dürfen den nächsten Zug
nicht versäumen, denn mein Vater und der Geistliche warten
schon in Ersheim auf uns."

„Jetzt gleich?" rief Salomo erschreckt — „ich hätte
erst nothwendig einen Weg zu gehen."

„Reut Sie ihre Zusage schon?" rief Fanny höhnisch —
„Sie sind an Nichts gebunden und können ganz hier bleiben
— möglich denn, daß uns der nothwendige Weg , den Sic
zu gehen haben, in eine Straße, in ein Haus führte."

„Trauen Sie mir das nicht zu," bat aber Salomo er-
schreckt — „Sie haben übrigens recht; es ist vielleicht besser
wir machen etwas, das für uns Beide — für alle dabei Be-
theiligten peinlich sein muß, so rasch als möglich ab."

„ Gut, dann brauchen wir auch weiter kein Wort darüber
zu verlieren," sagte Fanny kalt. „Folgen Sie mir — der
Wagen wartet unten."

Salomo Schönbein konnte nicht mehr zurück. Er nahm
seinen Hut und fand sich wenige Minuten später mit Fanny
in einem glücklicher Weise geschlossenen Wagen, der sie auf
des Mädchens Angabe rasch zum Bahnhof brachte.

Unterwegs sprach Fanny kein Wort. Den Shawl um sich
geschlagen, lehnte sie in der einen Wagenecke, und preßte ihr
Tuch gegen die Augen. Auf dem Bahnhof zahlte Salomo
die Plätze und war nur froh, daß er dort keinen Bekannten
traf, und in Ersheim angekommen, wurden sie an dem näm-
lichen Hause, vor dem sie gestern abgestiegen, von der schon
dort ihrer harrenden Familie enipfangen. — Aber Niemand
begrüßte ihn, oder nahm nur die geringste Notiz von ihm.
Stillschweigend und mit kalter Höflichkeit deutete die Mutter
aus den Kaffcetisch, und als sich Schönbein, mehr aus Ver-
legenheit, als weil er irgend ein Bedürfniß darnach fühlte,
eine Tasse eingeschenkt und sie getrunken hatte, meldete der
alte Ehrlich schon, daß der Geistliche ihrer harre, und die
Ceremonie beginnen könne.

Salomo Schönbein war es, als ob er zum Hochgericht
geführt werden solle; aber er biß die Zähne fest auf einander.
In einer Stunde ging der Zug wieder nach Xheim zurück —
dann war Alles vorüber, Alles überstanden, und die peinliche
Viertelstunde, die ihm noch zu durchleben blieb, ging ja auch
vorüber. Er bot sogar in aller Verlegenheit seiner Pseudo-
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