Fliegende Blätter — 33.1860 (Nr. 783-808)

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Ein Geburtstagsgeschenk.

welche sie in dem Hanse des guten Cantors genossen, arbeitete
Marie rüstig weiter; bald war der letzte Stich gethan, sie
holte nun noch das Bügeleisen aus der Küche, fuhr mit starkem
Drucke über die saubere Nätherei und der Rock war wiederum
fertig, und von der Nichts ahnenden Dienerin an seiner Länge
abermals verkürzt. Nun sammelte die Erfreute noch die ver-
rätherischen Zeugabschuitte von der Erde auf, sah prüfend im
Zimmer umher, ob Alles in Ordnung und legte sodann den
Schlafrock auf seine alte Stelle nieder.

In dem stolzen Bewußtsein einer vollbrachten guten That
ging nun das brave Mädchen in ihre Küche zurück, verbarg
daselbst sorgsam ihr Werkzeug und schritt an das gewohnte
, Tagwerk. Nie that sic dies froher, in der Erwartung der
Freude, welche sie dem guten Brodherrn bereitet zu haben
vermeinte.

Auch dem Organisten war über Nacht ein schöner Ge-
danke gekommen; „der Rock muß heute noch passend gemacht
werden, ich würde sonst die Festfreude nur halb empfinden,"
dachte er; hatte er ja doch den Knaben seines Schneiders in
der Schule, der sollte den Rock zu seinem Vater bringen, und
nach gehörig crtheilter mündlicher Instruktion würde in wenigen
Stunden dein Uebelstande abgeholfen sein. „Eine Liebe ist
der anderen Werth!" sagte er zu sich selbst, „haben sie niich
überrascht, will ich ein Gleiches thun, und heute Abend sollen
sic das Geschenk so passend finden, als hätte es der Schneider
nach meinem Maaßc gemacht!"

Mit diesem frohen Gedanken schlich Zacharias sich in
die Vorderstube, holte eine Serviette herbei, nahm den ruhig
daliegenden Warschauer, ivickelte ihn sorgfältig ein und ver-
barg ihn im Erkerstübchen.

Frau Lisbeth und Clementine waren heute gegen sonst
sehr spät aufgestanden, der Vater überraschte Beide noch beim
Ankleiden, und nahm mit frohem Gemüthe und heiterem Blicke
ihre herzliche Gratulation entgegen; auch Marie war an diesem
Morgen gar froh gestimmt, als sie den Kaffee in's Hinter-
stübchen brachte und ihrem Wohlthäter den Glückwunsch ab-
stattete. Allgemeiner Frohsinn herrschte in des Organisten
friedlicher Wohnung; man scherzte und lachte und Lisbeth er-
innerte ihren Gatten an die längst entflohene Zeit, wo er sie
aus dem benachbarten Salzstädtchen in diese ihre neue Heimath
geführt hatte; schalkhaft zeigte sie aus sein ergrautes Haupt-
haar — und lächelnd erwiderte er: „Bist auch nicht jünger
geworden, meine gute Lisbeth," indem er auf Clementinen
hinwies. Ta rief aus seinem Häuschen der Kukuk die achte
Morgenstunde und vergnügt eilte der Organist in seine Schul-
stubc. Heute hörte er nicht den Tumult, den die mnthwilligen
j Knaben veranstalteten, getreu seinem Vorhaben, winkte er bald
den kleinen Schneiderbubeu zu sich, und ertheilte wiederholt
i seinen Auftrag an den Vater desselben, indem er dem Knaben
noch ausdrücklich befahl, nur ihm selbst den Rock wieder zu
bringen, und Niemanden in seinem Hause davon zu sagen.

Zacharias Klockow war in der Stadt ein viclgeachteter
Mann, hatte in den vierzig Jahren, die er als Organist in
F. verlebte, manche Kindtaufe mitgemacht, manchem Braut-

paare die Orgel zur Trauung gespielt, manche Leiche zu Grabe
gesungen und manchen Bürger zum Schüler gehabt, war
daher überall beliebt, und Jedermann war ihm gern gefällig.
Vorzugsweise Meister Keilmann, sein Schneider, der so viele
Jahre für den Cantor gearbeitet hatte.

Als diesem heute sein Knabe den Schlafrock mit der er-
theilten Anweisung überbrachte, schien ihm zwar der Auftrag
bedenklich; indessen, wer konnte es wissen, was der Cantor
beabsichtigte; er schritt daher rüstig an's Werk, und der bereits
verstümmelte Rock war schneller als je an seiner Länge ver-
kürzt. Nach einer Stunde lag er bereits ebenso ruhig auf
dem Sopha, als wenn Nichts mit ihm vorgegangen wäre.

Der Abend des Festes erschien; Anastasius Wortmann, j
der einzige Gast, war leise unter Clementinens Leitung in
das mit Blumen geschmückte, gemüthlich warme Vorderzimmer
getreten und hatte auf den großen Klapptisch seine Festgabe,
eine neue Pfeife mit Weichselrohr und ächter Jenenser-Spitze
gelegt, auch daneben zwei runde Pallete mit: „Leicht Gemisch
mild und frisch" aufgestellt. Clementine ordnete die übrigen
Geschenke. In der Küche ivaren die Hausfrau und Dienerin !
gar emsig mit Bereitung des Festschmauses beschäftigt, während
Zacharias im Hinterstübchen ernste Betrachtungen über seine
verlebten Schulmeisterjahre austellte, die ihm zwar manchen
Kummer, doch auch manche Freude gebracht hatten, er schloß
daher seine stille Betrachtung voll Dank und Rührung mit
einem innigen Gebete.

Jetzt wurde er in die Borderstubc gerufen, wo sich die
Anderen bereits versammelt hatten. Pfarradjunkt Wortmann :
hielt hier dem vielgeliebten treuen Familienvater eine kurze
herzliche Anrede und führte ihn zuletzt an den mit Geschenken
reich bedeckten Tisch, um dort die Gaben der Liebe und Ber- ,
ehrung in Empfang zu nehmen.

Der gute Zacharias hatte in den verlebten vieruudsechzig .
Jahren nie solche Freude empfunden, als au diesem Abende, !
er gab solche ans die herzlichste Weise kund, kaum konnte er
Worte genug finden, um Allen seinen Dank abzustattcn, auch
die in seinem Hause alt gewordene Marie vergaß er nicht.

Endlich gedachte er seiner Ueberraschung; schnell zog er
mit lächelnder Miene den am obern Ende des Tisches liegenden
neuen Warschauer aus der Serviette hervor, und die zu diesem
Behufe bereit gehaltene geglättete weiße Schlafmütze auf's Haupt
setzend, fuhr er mit sichtbarer Freude in den rothgeblümten
Schlafrock hinein. Alle standen erwartungsvoll da. Doch wer

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"Ein Geburtstagsgeschenk"
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München

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Schneider
Morgenkleidung
Tisch <Motiv>
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Karikatur
Satirische Zeitschrift

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Fliegende Blätter, 33.1860, Nr. 799, S. 130 Universitätsbibliothek Heidelberg
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