Fliegende Blätter — 35.1861 (Nr. 835-860)

Page: 17
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb35/0020
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
O Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst- r .

Handlungen, sowie von allen Postämtern und 8*W»»

Z e i t n n g S e r p c d i t i'o n e n angenommen.

Erscheinen wöchentlich ein Mal. Lnbseriptions- v i v 1 -jjv
preis für den Band von 26 Nummern 3 fl. 54 kr. AA AI. DU.
od. 2 Rllllr. 5 Lgr. Einzelne Nummern kosten l> kr. od. 2'/, Sgr.

Ein Orden.

Wenn man irgend Jemand in der großen Residenzstadt
* * * einen Glückspilz nennen konnte, so war dies gewiß der
alte reiche Rentier und Freiherr, Kaufmann Müller. Schon
von Jugend ans hatte ihn das Glück bei allen seinen llnter-
nehmnngen begünstigt. Das erste glänzende Geschäft war eine
reiche Heirath gewesen und die erheiratheten Fonds hatten
sich in seinen vom Glücke stets begünstigten Handelsgeschäften
bald genug verdoppelt. Jetzt hatte er sich seit einigen Jahren
; ganz von dem Handel zurückgezogen und diesen seinen sämmt-
j lich erwachsenen und wohlversorgten Kindern überlassen. Er
! war in die vielbeneidete Kaste der Rentiers eingetreten, ob-
> gleich man ihn immer noch allerseits als den reichen Kauf-
mann Müller bezeichnen hörte.

Wie Biele sehnen sich, so wie Müller am ersten April
und ersten Oktober jeden Jahres für einige Tage hinreichende
Beschäftigung mit der Zinsconponsschecre zu haben, oder, wenn
das neue Vierteljahr herangekommen, in süßer Erwartung der
eingehenden Miethgelder im weichen Sorgenstnhl hingestreckt
zu liegen und bei passender .Gelegenheit die schon hohen
Wohnungsmiethen noch um zwanzig, fünfzig oder gar hundert
Thaler zn steigern!

Man konnte mit vollem Rechte von Müller, ähnlich wie
Heine, von jenem Liebchen singen:

Du hast Aktien und Staatspapiere,

Drei Häuser so hoch und hehr.

Hast Landhaus und Wagen und Pferde —

Sag', Müller, was willst Dn »och mehr?
llnd doch schien Müller noch mehr zn wollen, denn
man konnte ihn oft, wenn er zum Ausgehen bereit noch einen
letzten Blick in den großen Pfeilcrspiegel warf, recht ries seuf-
zen hören.

Seine sorgsame, wohlgenährte Gattin hatte schon oft diese I
der innersten Brusttiefe entsteigenden Seufzer vernommen, je- !
doch vergeblich forschte sic lange Zeit nach dem wahren Grunde
dieser Kummerzengen. In ihrer zärtlichen Besorgtheit hatte sic
sogar aus ein organisches Herzleiden geschlossen, welches der .
Gatte ihr vielleicht verbergen wollte.

Eines Tages, es war gerade an Müllers fünfzigstem !
Gcbnrtsfeste, beschwor sie ihn endlich mit Thräncn in den
Augen, ihr den Grund seiner tiefen Bekümmcrniß zu offenbaren.

„Müller, lieber Mann," rief sie, „ich weiß es. Dir
fehlt etwas, aber noch nie hast Dn mir so viel Vertrauen
geschenkt, Dich offen darüber ansznsprechen. Heute an Deinem
Geburtstage, bitte, beschwöre ich Dich, mir Dein Herz ganz ;
ausznschtittcn."

„Ach ja," seufzte Müller mit einem betrübten Seiten
blick in den Spiegel, „ach ja, wohl fehlt mir, etwas!"

„Tn fühlst immer so ängstlich nach der linken Seite,"
fragte die Gattin weiter, „solltest Du Herzbeschwerden fühlen,
so wollen wir so rasch als möglich mit nnserm Hausärzte
sprechen. Eine Badereise wird Dich bestimmt bald völlig wieder
Herstellen."

„Das liebet liegt freilich ans der linken Seite," cnigcg
nele Miiller niedergeschlagen, „allein es ist keine innere Krank- !
heil und keine Badereise ist im Stande, da Hilfe zu bringen."

„Mann, Gatte," rief Frau Müller in Thräncn ans-
brechend, „Dn bringst mich zur Lcrzweiflnng mit Deinem ge-
heimnißvollen Wesen. Hast Dn denn alles Vertraue» z» Deiner
Gattin verloren, die so lange Dir treu zur Seite gestanden
hat? Wenn Du^inir noch länger Deinen Kummer verschweigst,
wird mich die ^orgc um Sich ans das Krankenlager werfen,
vielleicht gar ans — das Todtenbctt."
loading ...