Fliegende Blätter — 35.1861 (Nr. 835-860)

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6.

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Ein Orden.

(Fortsetzung.)

Während dieser Zeit war am königlichen Schlosse das
regste Leben. Glänzende Equipagen kamen in großer Anzahl
vorgefahren und brachten die zum Ordensfeste Geladenen,
Offiziere des verschiedensten Ranges, hohe und niedere Beamte,
Künstler, reiche und schlichte Bürger, Alle in festlicher Kleidung
und das Gefühl ihrer Würdigung möglichst zur Schau tragend.
Wie immer, so hatte sich auch diesmal eine große Anzahl
Neugieriger an dem Portale eingcfunden, um sich an der Be-
trachtung dieses Glanzes zu ergötzen.

Der größte Theil der Eingeladeneu war schon angelangt,
da nahte auch voll feierlichen Ernstes und im guten Glauben
j an seinen eigenen Werth der lange Kohleumüller. Einen Wagen
zu miethen, hatte er nicht für nöthig gefunden, da für seine
langen Beine der Weg bis zum Schlosse nicht weit zu nennen
war. Bei der Sonderbarkeit seines Anzuges und seiner baum-
langen Gestalt durfte er sich jedoch nicht wundern, daß die
ihm Begegnenden still standen und ihm eine Zeit lang lächelnd
nachblicktcn. Müllers Costüm war aber auch in der That den
Anforderungen der Mode schnurstracks entgegen, da es größten
Thcils bis in die. Zeit seines Vaters zurückreichte.

Müller besaß noch ein Paar kurze Beinkleider, die ihm
für das heutige Fest vollkommen geeignet erschienen. Ein Paar
blaue Strümpfe schloßen sich unterm Knie den Beinkleidern
an und endigten in einem Paare mächtiger Lederschnhe, welche
! mit gewaltigen versilberten Schnallen verziert waren. Die bunt-
seidene Weste wäre wegen ihrer unendlichen Länge gewiß nicht
Schuld daran gewesen, wenn sich Kohlenmüller in der kühlen
i Luft jenes Morgens eine Untcrleibsentzündung zugczogcn hätte.

Das Auffallendste des ganzen Costüms war jedoch der alter-
j thümliche Frack, dessen Usprung in das letzte Jahrzehnt des
: vergangenen Säcnlums fallen mochte. Ans de» Bildern, welche

Persönlichkeiten ans der ersten französischen Revolution vor
stellen, begegnet man fast immer dieser Frackform, welche ganz
geeignet scheint, die damalige Zeit vollkommen zu repräsentiren.
Die Brust zeigte sich weit offen, als wollte das Kleid den
Charakter des Mannes rasch erkennen lassen; Der Kragen
reichte hoch hinauf und umgab den Hals wie mit einer schützen-
den Mauer und was hätte wohl in jener Zeit der Gnillotinen-
jnstiz des Schutzes mehr bedurft als gerade der Hals? Die
Schösse des Fracks waren weder breit noch lang — sie sollten
anscheinend ihrem Träger bei der Flucht vor ehrgeizigen Neben
bnhlern n. s. w. nicht hinderlich sei».

Unbeirrt von dem spöttischen Lächeln der ihm Begegnenden,
wandte Müller seine Schritte ohne Aufenthalt nach dem großen
Schloßportalc, wo die Schaulustigen in dichten Reihen standen
und er große Mühe hatte, sich Platz zu machen. Da es dabei
nicht ohne Stöße und Püffe abging, so entstand bald ein
Lärmen und Schimpfen, so daß sich die Schildwachc einzu-
schreiten gcnöthigt sah.

„Ich muß nun einmal hindurch, das hilft nichts," rief
der lange Kohlenmüller forwährend, die sich ihm Entgegen
stemmenden ans die Seite drängend.

„Drängen Sic nicht so dahinten, ruhig verhallen oder
ich arrctire Sie," rief gebietend der wachhabende Soldat.

„Oho! mich arretircn?" lachte der sich rastlos dnrchar-
beitendeMüller, „arretircn Sic lieber die Maulaffen, die mir
hier den Weg versperren, ich muß hinauf in das Schloß!"

„Was wollen Sic dort?" fragte barsch der Soldat.

„Ich bin zum Ordensfest eingeladen, hier ist der Brief,"
rief Müller überlaut, das vcrhängnißvolle Schreibe» hoch em-
porhaltend.

Jetzt machte der Wachposten sogleich es möglich, daß >

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