Fliegende Blätter — 35.1861 (Nr. 835-860)

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Donatus mit dem Geier.

(Fortsetzung.)

Die Stammesvettern stritten sich um die Vogtei seines
Erbes. Eine Fehde drohte darüber auszubrechen. Der Fürst-
Abt von St. Gallen legte sich in's Mittel, ward zum Schieds-
richter bestellt und that den Ausspruch, daß die Vogtei einer
führen müsse, der außerhalb der Landschaft begütert sei. So
ward denn der zweite Gemahl der Mutter Ostertags als Ger-
Hab berufen, unter der Bedingung, daß er seines Amtes im
Lande walte. Er nahm die Mühewaltung an; oder vielmehr:
Frau Elsbeth nahm sie an, denn der Junker Utz hatte in seinem
Hause kaum mehr zu befehlen, als etwa in Apulien oder in
Konstantinopel. Mit den Eltern kam auch Ostertag, der inner-
halb der zehn Jahre groß und stark geworden. Der erste Flaum
stach ihm durch's Kinn. Sein Aufenthalt sollte nicht lange
währen, hatte die Frau Mutter bestimmt und bereits ausge-
macht; zum Krenztag im Spätling wurde er auf dem Hohent-
wiel erwartet, um seine Lehrzeit anzntreten.

Ostertag hatte mit der Mutter Antlitz auch ihre katzen-
falschc Gemüthsart mitbekommen. Gleich der Elsbeth schmeichelte
und streichelte er den kleinen Donatus und ließ sich nichts
davon merken, daß er im tiefsten Herzen demjenigen grollte,
„der nur deßhalb zur Welt gekommen, um ihn um das statt-
liche Erbtheil zu betrügen." So pflegte Elsbeth sich auszu-
drücken, natürlich nur hinter dem Rücken ihres unmündigen
Schwähers. Ins Gesicht that sie ihm schön, herzte und küßte
ihn, wo sie ihn nur beim Kopfe sah. Ihren Buben hielt sie
an, ihn fein höflich „Herr Ohm" hin, „Herr Ohm" her zu
nennen und dem Kleinen wie einem großen Gebieter mit aller
Ehrfurcht zu begegnen. — Eines Abends im Hochsommer war's,
so um Jacobi herum. Der kleine Oheim und der große Neffe ver-
zehrten mitsammen einen späten Imbiß nach mühseligem Tage. Sie
hatten den Edelhirsch gejagt und waren weit im Gebirge umher-
gekommcn. Um die kühlende Abendluft desto besser zu genießen,

hatten sie sich, das „Stückli Chäs" und daS „Münipfli Brod"
in der Hand, ans den Söller über ihrem Schlafgemach hin-
anfgemacht. Sie plauderten von den Erlebnissen des heißen
TageS und dem mühsam erlangten Erfolg. Der Knabe sah
dabei die Felsenbcrge an, deren oberste Spitzen noch im Abend-
scheine glühten. „Nächste Woche fangen wir dort oben zu
pirschen an", sagte er. „Voriges Jahr war ich zum erstenmale
droben und habe meinen ersten Stcinbock erlegt. Gemsen
hat's dort in Hülle und Fülle. Du wirst deine helle Freud'
haben, Ostertag." — „Denke wohl auch", versetzte der. „Aber
ich werde auch früher schon, nämlich morgen, mein besonderes
Vergnügen dort haben." — „Wie so?" fragte Donatus. „Mor-
gen willst du ja gen Chur reiten?" — „Die Frau Mutter
bildet sich's ein", sagte Ostertag mit pfiffigem Schmunzeln ünd
bedeutsamem Blinzeln. — „Ei, was hast du denn eigentlich
vor?" — „Wenn du nicht schwätzen willst, sollst du's er-
fahren." — Donatus verhieß, nichts auSzuplaudern. Der An-
dere flüsterte: „Du weißt, daß am Ribel ein Geierpaar hor-
stet." — „Ob ich's weiß! Ich habe schon hin und her gesonnen,
ob dem Horst nicht bcizukommen wäre. Es muß schon junge
Brut darin sein, den» seit etlichen Tagen streichen die beiden
Alten mitsammen ab. Doch ist nicht beiznkommen. Der Horst
liegt unter einem Felsenhang über einer glatten Wand." —
Ostertag hob wieder an, wo möglich noch leiser als zuvor:
„Närrle, ich habe des Ortes Gelegenheit verknndschaftet. Der
Fclsenhang über der Höhlung ist freilich hoch wie zwei Kirch-
thürmc übereinander, aber ziemlich unten am Saume streicht
ein Gemsenpfad hin, kaum drei Klafter über dem Horst. Einige
Tannen wurzeln dort in den Steinritzen. Dort knüpfe ich
eine starke Leine, mit zahlreichen Knoten versehen, fest, lasse
mich hinab und hole des Lämmergeiers Brut." — „Ha, ich
gehe mit!" rief Donatus. — „Bst, nicht so laut", mahnte
Ostertag und legte ihm die Hand aus den Mund. „Uebrigcns
kann's nicht sein. Du konntest ein Unglück nehmen. Welche

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