Fliegende Blätter — 35.1861 (Nr. 835-860)

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Weihnachts -Lobgesänge.

I. Der Hauptsteneramts-Controllcur Adam Luxendreier
in E. saß nach des Tages Last und Mühen still im Kreise
seiner Familie bei einem Glase Hausgetränke und rauchte seine
Pfeife, die einzige Depensc, wenn nian's so nennen darf, welche
sich Adam gestattete. Blaue Tabakswolken umkreisten ihn,
zum Zeichen, daß er tief in Gedanken versunken war; und er
hatte Ursache dazu, denn er hatte heute den Rest seiner Be-
soldung für Winterbedürfnisse, welche in diesem Jahre so
theuer wie noch nie waren, hergebcn müssen. Es war im
Monate Dezember, und nahe vor Weihnachten; Adam sah mit
Betrübniß diesem Feste entgegen; der Gedanke: dies Mal den
Seinigen auch die kleinste Gabe versagen zu müssen, war ihm
unerträglich und beängstigte ihn. Als sie nun so emsig um
ihn herum arbeiteten und mitunter des frohen Festes erwähnten,
wurde er immer trüber gestimmt. Adam Luxendreier war ein
treuer Beamter, guter Christ, bravxr Patriot, und sorgsamer
Familienvater, nur Geld durfte es nicht kosten, das raubte
ihm immer den Humor. Seine Ehe war glücklich und wurde
nur dann getrübt, wenn es sich um Geldausgaben handelte,
oft wurde es ihm verdacht, wenn er böse wurde, und doch
hatte er nur eine Einnahme von 600 Thalern und seit Jahren
vergeblich auf Zulage gehofft. Was half ihm all' seine per-
sönliche Einschränkung, die Bedürfnisse seiner Familie wurden
jährlich größer. Die Familie des Controlleurs hatte sich längst
schweigend zurückgezogen, während er immer noch vor sich hin-
brütete, und ans Mittel sann, der Sorge ledig zu werden;
zuletzt ließ er im Geiste die ganze Schaar seiner reichen Ver-
wandten der Reihe nach an sich vorübcrgehen, und hielt plötzlich
ein, als er den reichsten unter ihnen, den korpulenten, pom-
merschen Gutsbesitzer Menghaber vor sich sah. „Der muß
mein Retter werden!" rief Adam hoffnungsvoll aus und blies
eine blaue Wolke in die Luft. „Zu ihm habe ich das meiste

Vertrauen, denn er führte mir Mathilden entgegen und sagte
bei unserer Abreise, daß ich bei ihm niemals vergeffen sein sollte;
ich will an ihn schreiben, er hat's, er kann's und er thuts!"

II. Früher als sonst ging am nächsten Morgen der Con-
trolleur auf's Hauptsteueramt, schrieb einen langen, rührenden
Brief an seinen Onkel, wie er ihn wegen der Verwandtschaft mit
seiner Frau nannte, und brachte sein Klagelied selbst auf die
Post. Gutsbesitzer Menghaber war seit Jahren Wittwer,
wohnte auf einem stattlichen Gute, in der Nähe eines Land-
städtchens an der Stettin-Cöslincr Eisenbahn, war ein närri-
scher Kauz und großer Rcnomist, reich, aber übertrieben geizig.

Unter andern Eigenthümtichkeiten hatte er die Gewohn-
heit, so oft er mit Jemand sprach, den Kopf auf die Seite
zu legen, weßhalb er von seinen Bekannten auch „Krähenkö-
nig" genannt wurde. Als dieser acht Tage vor Weihnachten
den Brief des Stener-Controlleurs empfing, murmelte er ver-
drießlich vor sich hin: „Da könnte ein Jeder kommen, ja wenn
der Gustav nicht wäre!" Und Gustav war vor einigen Tagen
zum Besuche gekommen und hatte eine Beenge Rechnungen
mitgcbracht, welche der Alte bezahlen sollte, daher die lieblose
Aeußerung des geizigen Menghaber. Gustav, sein einziger
Sohn, machte dem alten Krähenkönig große Sorge, studirlc
seit Jahren in Berlin Medizin und kostete viel Geld. Als
am nächsten Morgen der Krähenkönig deu Brief des Control-
leurs nochmals in Ruhe dnrchgclcscn hatte, zuckte er mit den
Schultern und dachte: „Nun, eine Antwort verdient der lange
Brief wohl, wenn gleich sie nicht nach Wunsch aussallcn kann",
wobei ihm wieder die Rechnungen seines Sohnes einfielen, und
setzte sich an den Schreibtisch. In der Literatur, besonders im
Schreiben war der Gutsbesitzer wenig bewandert, und so waren
bereits zwei Stunden vergangen, als er mühsam eine Seite
hernntergekritzelt hatte; dann versiegelte er den Brief und blickte


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