Fliegende Blätter — 35.1861 (Nr. 835-860)

Page: 90
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb35/0093
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
90 Briefe aus St. Petersburg vou Rentier

gehüllt denken. Und dann Hab' ich auch die wissenschaftliche
Beobachtung gemacht, daß der russische Bauer (Mnschik heißt
das auf russisch) das nämliche Schuupftüchcl braucht, wie bei
uns int Schwabeulaud auch.

Als ich also meine Beobachtungen über die Russen, und
Russenthum überhaupt, anstelle und mir eine Cigarr ins Ge-
sicht stecke, und so recht aus vollem Herzen drauf losdampfe,
da war mir's meinthalbwcgenmeincr recht pudelwohl, und habe
einem jener Menschen, die man Literaten heißt, ganz recht ge-
geben, der da sagt: „leben ist reisen" — nein — nein —
verzeihe» Sic, diejenigen, die daS sagen, das ist wieder eine an-
dere Sorte — „reisen ist leben." — Denn das ist wahr,
das Gefühl, so in der Welt herum zu ciscnbahucn und zu
danipfschisfeu, ist über alle Maaßeu erhaben und großartig;
wie gesagt, mir war gerade so recht rennthierlich wohl — da
fährt mir aus einmal zwischen den Rock und Halskrageu eine

mächtige Hand, und faßt mich dergestalt beim Genick, daß ich
meinthalbwegennieincr dachte, der Teufel hole mich, — natür-
lich drehe ich mich erschrocken um, um zu erforschen, was das
mit dieser Genicknehmerei für eine Bewandtniß habe; da sehe
ich, daß an dieser Faust noch cu baumlanger Ruß in Uniform
mit einem martialischen Schuauzbart im Gesicht, bammelt.

aus Munderkingen re. rc.

Da ich mich aber an die russischen Eindrücke zu gewöhnen
angcfangcn, habe ich mich doch bald wieder gefaßt, was um so
uothwcudigcr war, da der andere tos gelassen hatte, und sagte:
„Herr," sagt' ich, „was ist denn meinthalbwegenmeiner das?"

Jetzt sängt der au, wieder z'kaudcrwclschen, daß der Ku-
kuk nicht klug draus werden konnte. Ucbcrhaupt begreif' ich gar
nicht, wic's nur Leute gicbt, die diese Malcfizsprache verstehen
können, bei der die Worte zusammeuklcbcn, wie iveun sic ein-
zeln mit Harz und Pech bestrichen wären.

Endlich hör' ich doch: „Heraus Cigarrke — Cigarrke!"
Natürlich denk ich, der Kerl will 'ne Cigarr habe», sag' ihm
also: „Donnerwetter," sag' ich, „Sie habet '»e sonderbare

Manier, um eine Cigarr z'biite — übrigens der Bitterle, Renn-
thier, macht sich aus einer Cigarr nichts, hier nehmen Sie
meinthalbwegenmeiner Eine" — und halte ihm die Cigarren-
dosc hi». — „Riat — niat — Straff — Cigarrke!" schreit
er wieder wie besessen.

»Ach was", sag' ich, „nit versteh'!" und dreh' mich um
und will fort. Aber wie der Blitz saß mir d'Faust wieder im
Genick.

Jetzt wurd' ich schon fuchsteufelswild. „Herr," schrie ich
„jetzt lasset se mich meinthalbwegenmeiner los — oder — "

„Strass — Rubel — adün!" schrie jetzt der Rufs' wie-
der, und dabei streckt er immer ein' Finger in d' Höh', so
lang und so dick wie ne' Knackwurst.

„Himmelheiligeukrenzstcrusapperment! — nit versteh'!"
schrei ich ihm in die Ohren, daß er z'sammg'fahrc ist, — denn
am End' ist der arme Mensch taub, dacht' ich. — Natürlich
halte sich eine Blasse Menschen um uns versammelt und
alle habet sc die Mäuler aufg'rissen und grinst habet se wie
d' Maul-Assen, aber beig'standeu ist mir keiner. „Herr Jes-
ses," — „schrie ich, ist denn meinthalbwegenmeiner nicht ein
Mensch hier, der deutsch und russisch zu gleicher Zeit spricht?"
Und auf diesen Berzweiflungsschrci theilt sich endlich die Menge
und ein Herr fragte mit für mich himmlischen, also deutschen
Tönen: „was gicbt's denn hier?" * .

Die Sache war ihm bald erklärt und er vcrdollmctschte mir
nun Folgendes: „Bei uns in Petersburg ist das Rauchen
aus der Straße nicht erlaubt, und Jeder, den man auf der
Straße rauchend betrifft, bezahlt einen Rubel Strafe. Ich
empfehle mich Ihnen."

Das hätte mir der Urian ja gleich sagen können, wie
kann ich denn das als Fremder wissen. Aber da war nichts
zu machen, denn der Herr Polizeisoldat hielt mir schon seit
geraumer Zeit die Hand hin, und so blechte ich denn.

Aber wo ist denn meine Frau, meine Buben und mein
Olgälc, die hall' ich ja in dem Spektakel meinthalbwegenmei-
ner ganz vergessen. Endlich fand ich sie, da standen sie alle
mit verweinten Augen und dachten schon, jetzt geht's mit
Papa fort nach Sibirien.

„Jetzt hört auf, z'hculc," sagt' ich, „und du Frau kannst
meinthalbwegenmeiner mit die Kinder Schokolade trinken und
Kuchen essen."

Und so thateu wir.

Dionisius Bitterle

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Briefe aus St. Petersburg von Rentier Dionysius Bitterle aus Munderkingen an der Donau an seinen Vetter im Schwabenlande"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Fliegende Blätter
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

Inschrift/Wasserzeichen

Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Rauchverbot
Herr <Motiv>
Schrecken
Taschentuch
Hand <Motiv>
Kragen
Übergröße
Heben
Karikatur
Kleidung <Motiv>
Bauer <Motiv>
Satirische Zeitschrift
Schwaben
Russland

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
Public Domain Mark 1.0
Creditline
Fliegende Blätter, 35.1861, Nr. 846, S. 90
loading ...