Fliegende Blätter — 35.1861 (Nr. 835-860)

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Donatus mit dem Geier.

Sein Erstaunen sollte bald stärker werden und den ersten
Beischmack bitter« Argwohns gewinnen.

Ostertag erstieg die Anschüttung nur bis zur Hälfte ihrer
Höhe, wo sie einen Wall bildete, welcher den Kessel sperrte.
Dort schlug er sich rechts statt links, wie zwischen den weit
von einander abstehenden Stämmen deutlich zu sehen war,
bis er sich im Dickicht verlor.

„Vermnthlich hat er einen bequemeren Weg entdeckt",
sagte Donat, die auftanchende Sorge beschwichtigend; bald
wird er an der Spitze wieder zum Vorschein kommen. Spä-
testens in einer Viertelstunde."

Die Viertelstunde verging, noch eine und wieder eine, aber
Ostertag ließ sich nicht blicken. So ging es fort. Mittagszeit
war vorüber und die Schatten der Berge hatten ihre Richtung
gewechselt. Donatus, der bisher kein Auge vom Ende des
Gemsensteigs ober der Aufschüttung verwendet, fing an nach
allen Seiten umherznspähen. Und wie sein Blick ans die Torische
fällt, was gewahrt er? Den leibhaftigen Ostertag. Die
Entfernung war freilich sehr weit; da aber die Gestalt mit
der Last auf dem Rücken just über das Schncefeld an der
Wintcrseite unter dem Felskegel hinging, so war sie nicht zu
verkennen, wie sie sich auf der blanken Fläche zeichnete, die
kein blendender Sonnenstrahl traf. Des Knaben frische Au-
gen hätten bei so günstigem Lichte ein Wiesel auf dem Schnee
nicht übersehen, und den Ostertag kannte er zu gut, um ihn
mit irgend einem anderen Menschenkinde zu verwechseln.

Er hatte sich auch keineswegs getäuscht. Ostertag nahm
seinen Weg bei der Torische vorüber, von wo er auf einem
zwar viel weiteren, aber weder allzubeschwerlichen noch gefähr-
lichen Pfade den angehängten Leithund abholcn konnte. Er
hatte durchaus keine Eile, da er vor Nacht nicht nach Hanse
kommen wollte, nachdem er sein Bubenstück vollbracht, — frei-
lich nicht ganz so, wie er seiner Mutter verheißen und wie er
selber auch ursprünglich gewollt. Sein Anschlag war nämlich
dahin gegangen, den Knaben, wenn er — beladen mit der
Geierbrut — wieder emporkletterte, in die Tiefe fallen zu
lassen. So sollte die Leiche gefunden werden und die Leute
dann meinen, Donatus sei durch Zufall verunglückt, nachdem
er das Wagstück mutterseelenallein unternommen, daß er einen
Gesellen bei sich gehabt, konnte ja Niemand wissen. Als nun
aber der heimtückische Mordbube die Leine losnestelte, um
sie zu seinem Zwecke herzurichten, entglitt sie ihm ans Verse-
hen. Er sah, daß sie zur Tiefe fiel und errieth daraus, daß
der Knabe sie vom Leibe los gebunden.

Wie Ostertag hinunter kam, entsank ihm das Herz. Das
Fallen der Leine, meinte er, sei ein Warnungszeichen für ihn
gewesen. .

Die reuige Anwandlung gedieh jedoch nicht zu voller Ent-
wicklung. Dazu ließ ihn die Furcht vor der Mutter nicht
kommen. Er suchte sich mit seinem Gewissen abzusinden, in-
dem er den Verrathenen seinem Schicksale überließ. Der Mut-
ter konnte er ja sagen, was er wollte; ohnehin begriff er, daß
sie die näheren Umstände ihm nicht abfragen werde.

Diesen gräulichen Zusammenhang zu errathen, lag der

arglosen Seele des Knaben fern. Er dachte, Ostertag wolle
ihm einen Schabernack spielen und ihn ein wenig geistern,
werde aber vor Abend wiederkehren und ihn erlösen. Von
dieser Vorstellung beruhigt, holte er aus der Waidtasche die
Reste seiner Borräthe hervor und fing zu essen an.

Die Brut im Geierhorste kreischte wie besessen. „Das arme
Gethier hungert", sagte Donatus; „ich will ihm etwas verab-
reichen." Mit diesen Worten schnitt er ein Stückchen Hirschwild-
pret in kleine Bissen, um es dem Gefieder zu geben, obschon
er es lieber selbst gegessen hätte. Aber die heilige Schrift
sagt: Der Gerechte erbarmt sich seines Vieh's; und die Brut
war ja sein Vieh, da er beschlossen hatte, sie im Käfig auf-
zufllttern.

Neben dem Horste lag, recht wie bestellt, ein kleiner Block,
Donatus schwang sich hinauf. Zwei Junge waren zu sehen,
das eine noch ganz gelb und flaumig, das andere schon ziem-
lich nahe daran, sich zu besiedern. Beide sperrten begehrlich die
Schnäbel auf. Der Knabe wußte mit dem Actzen umzugehen;
hatte er doch noch in jedem Frühlinge seit vier oder fünf Jah-
ren junge Brut aufgefüttert, um sie dann frei zu lassen, sobald
ihr das Gefieder gewachsen. Daheim im Schloßhofe gab es Spatzen
genug, die er gepflegt und die sich ihm auf Kopf, Schultern,
Arme, Händ§ setzten, wenn er ihnen vor Augen kam. Statt
des Strohhalmes, wie er sich dessen bei Spatzen, Finken, Zei-
sigen und anderem Sängervolke bedient, nahm er, der Größe
des Pfleglings ganz angemessen, einen Bolzen, so daß eine
Eisenspitze derselben Art, wie sie den beiden Alten das Leben
genommen, die Stelle dieser Alten vertrat, um die verwaiste
Brut am Leben zu erhalten.

Die gesättigten Jungen bargen die Köpfe wiederum im
Horste und zogen die Augendeckel zu. Donatus machte sich
daran, die Höhle des Näheren zu besichtigen. Auf dem Boden
lagen mancherlei Schädel von Thieren und viele Gebeine um-
her, alle sauber abgenagt. Als der abenteuernde Besucher sich
dem Hintergründe näherte, nahm er wahr, daß die Höhlung
sich seitwärts nach unten zu wandte und in der Entfernung
von kaum hundert Schritten einen Ausgang haben mußte. We-
nigstens war es unten hell. Natürlich hatte Donatus nichts
Eiligeres zu thun, als über das Geröll hinab zu klettern.

Als er drunten war, lachte er mit dem ganzen Gesichte.
Die Höhle mündete in eine Klumse, welche zwischen mauerglatten
Gestein zur Höhe führte, ungefähr wie der bedeckte Weg des
väterlichen Schlosses.

„Gewonnen!" jubelte Donatus und klatschte lustig in
die Hände.

Seine erste Regung war, weiter zu laufen, doch besann
er sich sofort eines andern und kehrte um. Die Vögel mochte
er nicht zurück lassen. Wenn ich den Ostertag recht gründlich
„utzen" will, meinte er, so darf ich die Beute nicht zurück-
lassen. Sobald er hernach wiederkoinmt, und ich ihm keine
Antwort gebe, muß er sich selber an der Leine nicderlassen.
Dann wird er mich suchen und den Weg finden, auf welchen
ich gegangen.. Irren kann er nicht. Fände ich aber wider
Erwarten keinen Ausgang, nun wohl, dann kehre ich mit ihm
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