Fliegende Blätter — 66.1877 (Nr. 1641-1666)

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Erscheinen wöchentlich ein Mal. Preis deS Bandes

(26 Nummern) 6 Mark 70 Pf., excl. Porto bei liiXVI.Dd.

directem Bezüge. Einzelne Nummern 30 Pfennige.

Ein guter Kerl.

(Schluß.)

Kaum war er verschwunden, so kehrte der unheimliche
Ausdruck in Murmels Züge zurück, aus denen ihn nur eine
übermenschliche Anstrengung für einen Augenblick verscheucht hatte.
Mit rollenden Augen, die Fäuste gegen die Thür erhebend,
durch die der Andere sich entfernt hatte, schien er im Begriff,
eine Reihe der entsetzlichsten Verwünschungen auszustoßcn — da
thut sich jene plötzlich zum zweiten Male auf und herein stürzt
ein neuer Besucher, und gerade in die geöffneten Arme des
Stcucrrathes. Es ist fein College, der Steuerinspector Zwiebel,
ein Mann, von dem Murmel schon öfter behauptet hat, daß er
ihm spinnefeind sei, und nichts thue, als ihm auf den Dienst passen.

„Wissen Sie's schon, wissen Sie's schon, Herr Director?"
hatte er ihm bereits vom Vorzimmer aus entgegcugerusen.

Der Ueberfallenc macht sich von der unangenehmen Be-
rührung los und sucht eine ruhige Haltung zu erkünsteln, um
dem lauernden Feinde keine Blöße zu bieten. „Was meinen
Sie?" fragt er in leidlich gefaßtem Tone.

„Von Ihrem Herrn Schwiegersohn! Er hat gestern in
der Ressource —"

„Ich weiß das!" unterbricht Murmel unwirsch den Redenden.

„Wissen Sie aber auch, daß der Regierungsrath Schimpfer,
der heute inspicircn wird, im Saale war, und Alles gehört
hat? Wissen Sie, daß er sich nach der Person des Sprechers
erkundigt, und sehr bedenkliche Dinge über die Folgen hat
fallen lassen, welche eine so nichtswürdige Aeußerung — cs ist
das sein eigener Ausdruck — für ihren Urheber und die Seinigen
haben könnte? Ich bcdaure aufrichtig, Herr Director —"

In Murmels Seele sah es schrecklich aus. Der Regierungs-
rath — sein Vorgesetzter — der dem Minister über ihn Bericht
zu erstatten hatte, — nicht eine persönliche Kränkung galt es
mehr — seine Stellung, seine Existenz waren auf dem Spiele!

— Aber er faßt sich und zu Zwiebel gewendet, spricht er mit
ruhiger Würde: „Ich danke Ihnen, Herr College und werde
meine Maßregeln treffen!"

Während Jener sich mit einem Lächeln des Triumphes
entfernt, geht Herr Murmel daran, das so oft unterbrochene
Werk der Toilette zu Ende zu bringen. Schweigend kleidet er
sich an, aber der marmorne Ausdruck seiner Züge und die finstere
Entschlossenheit, die aus ihnen redet, bezeugen, daß er etwas
Furchtbares ersonnen hat und zu vollenden gewillt ist.

Im Saale des Murmel'schen Hauses wurde ein Trio auf-
geführt. Violincheu ergeht sich in einer gedämpften klagenden
Weise und füllt die langen Pausen ihres Satzes mit einzelnen,
abgebrochenen Tönen aus — pizzicato, pizzicato ! — während
die etwas heisere Bratsche bald im sanften, beruhigenden äolco,
bald im stürmischen, die höchsten Höhen ihrer Stimmlage er-
fliegenden allossretto sich Geltung zu verschaffen sucht, ein
grimmiger Baß aber mit einem einzigen unabänderlichen Accord
dazwischen fährt. Der Steuerrath, der die Rolle des letzten
Instrumentes übernommen hat, sitzt im mittelsten Fenster in der
Staatsuuiform, zugeknöpft bis an's Kinn und kühl bis in's
Herz hinan. Ihm gegenüber im Sessel lehnt sein Töchtercheu,
eine reizende Blondine, mit rothgeweiutcu Augen, während die
Frau Steuerräthin au den dritten Stuhl im entgegengesetzten
Winkel gebannt ist.

„Und cs bleibt bei dem, was ich gesagt habe!" erneuert
der Baß noch einmal seinen zornigen Accord.

„Aber bester Mann," flüstert die Bratsche, und ihr schneidender
Klang scheint anzudeuten, daß die Saiten nicht lange mehr der
straffen Spannung widerstehen können, „wie ist's nur möglich, daß
Du Heinrich eine so nnbedcutende Aeußerung, die ihm im Scherz


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