Fliegende Blätter — 66.1877 (Nr. 1641-1666)

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17. Handlungen, sowie von allen Postämtern und M.W9&9 • (26Nummern)excl.Porto 6Mark70Pfg., beiIrXVI.Bd.

_Zeitungsexpedit ionen angenommen._ directem Bezug. Einzelne Nummer 30 Pfennige.

Ein Trau m.

(Fortsetzung.)

„Verehrte Frau Doctorn," fuhr die Günther in der be-
gonnenen Unterhaltung fort, „Sie muß aber doch einmal den
Herrn Doctor ernstlich ansprechen, daß er Ihr etwas verordnet.
Die Frau Doctorn ist recht krank. Sie verfällt ja von Tag
zu Tag mehr! Was soll denn daraus werden?"

Ein wehmüthig, bittcrschmerzlichcs Lächeln war die stumme
Antwort der Müden.

„Nein, nein! Die Frau Doctorn muß die Sache tiicht
so leicht nehmen!"

„Leicht nehmen?" fragte leise mit demselben bitteren Lächeln
die Kranke. „Ach, ich weiß recht gut... ich bin müde . . .
sehr, sehr müde . . . aber er weiß es, er sieht es nicht!"

„D'rum muß man's ihm sagen, Frau Doktorn, ernstlich,
gründlich sagen!"

„Hab's ihm wohl gesagt! Dann heißt es: Ja, du bist
nicht wohl; man muß etwas thun! und dabei sieht er neben
mir hinaus in's Leere hinein, und all sein Denken und Sinnen
ist ganz wo anders!"

„Drüben?" fragte die Alte nickend, und deutete mit dem
Daumen nach der Richtung hin, wo des Doctors Laboratorium lag.

Ein müdes, kummervolles Nicken der Kranken war die be-
stätigende Antwort.

„Aber dann muß sich die Frau Doctorn eben an einen
andern Medicus wenden. Es kann doch nicht so fortgehen!"

Wieder das müde, schmerzliche Lächeln auf den bleichen
Lippen; cs sprach wortlos, aber vernehmlich: „Was ist mir
denn Anderes noch geblieben? Eingehen zur Ruhe aus all'
dieser Qual der Verlassenheit und Sorge! ist's nicht das Beste
für mich?"

„Die Frau Doctorn muß wirklich mit einem andern
Medicus reden!" drängte und mahnte Frau Günther.

Die bleiche Frau aber schüttelte abwehrend den Kopf.
„Das geht nicht, Frau Günther," sagte sie, „was würde das
für ein Gerede geben! und . . . ach, Frau Günther," fuhr die
Kranke leiser fort, und über die bleichen Wangen rollten die
vergeblich zurückgedrängten Thränen, „es ist wohl nicht recht
und soll nicht sein, daß man wider Andere klagt und redet
über die Dinge daheim . . . aber... es ist ja umsonst! Sie
weiß es ja, wie es steht, cs kann ihr nicht verborgen ge-
blieben sein. Kann ich doch nicht einmal sagen, ich möchte
leben um der armen Kinder willen. Bin ich nicht mehr, wird
meine Schwester, die Frau Wittig, sie zu sich nehmen; sie
leben ja in guten Verhältnissen und haben selbst keine Kinder.
Meine armen Mädchen werden es dort besser haben, als hier
bei uns. O, Frau Günther, wie lange währt es denn, und
der morsche Boden bricht unter unfern Füßen. Seit einem
Jahre leben wir nur von dem, was wir verkaufen und versetzen,
-und nun ist nichts mehr da, was noch verkauft werden könnte!"

Die Alte schaute verlegen vor sich hin, sic wußte das
Alles wohl, aber da jetzt die bleiche Frau ihr dies rückhaltlos
gestand, überkam Frau Günther jene peinliche Schani, die
gutherzige Gemüther ergreift, wenn lang verheimlichte Noth,
übermannt von Angst und Rathlosigkeit, sich rückhaltlos offenbart.

Die Frau Doctorin aber fuhr leise klagend fort: „Wohin
ich sehe... alle Wege führen in's Verderben! Der Strom schießt
dahin, und ich bin zn schwach, ich kann ihn nicht nufhaltcn!"

„Frau Doctorn! es kann ja doch noch besser werden!"
tröstete mit unsicherer Stimme die Alte.

„Es kann! Ach Gott, was kann nicht geschehen! Aber
von all dem, was geschehen kann, geschieht so gar selten das,
worauf wir hoffen und harren, und immer nur das, was wir
; fürchten!"

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