Fliegende Blätter — 66.1877 (Nr. 1641-1666)

Page: 137
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb66/0142
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
o

18.

Bestellungen werden tu allen Buch- und Kunst- Erscheinen wöchentlich ein Mal. Preis des Bandes

Handlungen, sowie von allen Postämtern und r<>‘ (26 Nummern) 6 Mark 70 Pf., cxcl. Porto bciUXVI.Db.

Z e i t n n g S e x p e d i t i o n e n angenommen. directem Bezüge. Einzelne Nummern 30 Pfennige.

Ein Trau m.

(Fortsetzung.)

Von der zahlreichen Familie waren nur noch die Mutter
und der kleine Hieronymus übrig geblieben. So verödet und
schauerlich diesen auch anfangs das schreckensvolle Dasein erschien,
sic mußten eben doch sehen, wie sie sich in demselben fortbrächten,
und des Knaben Jngendmnth und Lebenslust überwand in kurzer
Frist die Erinnerung an all den vorübergegangenen Jammer und
Schrecken. Er trat bei einem Chirurgns in die Lehre und brachte
es unter mancherlei Mühen und Entbehrungen endlich dahin, die
Hochschule zu Wittemberg besuchen zu können. Nach einigen Jahren
kehrte er mit dem Doctor-Diplom in die Vaterstadt zurück.

Seine Mutter fand er nicht mehr hicnieden, sie war während
seiner Abwesenheit all den Ihrigen nachgegangen aus diesem
Leben hinaus. Der junge Doctor wurde von manchem Kranken
zu Rathe gezogen, und seine Praxis dünkte ihm endlich lohnend
genug, um Weib und Kind zu ernähren. Er hatte sich diejenige
bereits ausersehen, die er heimführen wollte, und erhielt das
Jawort. Nun gingen die Jahre hin und brachten Lust und Leid,
Freude und Sorgen mancherlei Art. Der Doctor ging uner-
müdlich seinen Patienten nach und sorgte solchergestalt für des
Haushalts Bestehen, und daß es an Nahrung und Kleidung
und was sonst zum Wohnen und Leben gehört, nicht mangele.
Auf einem andern Wege sich rascher und unmittelbar zu be-
reichern, siel ihm nicht von ferne ein. Da trat die Versuchung
dazu etwa vor sechs Jahren zum ersten Mal an ihn heran.

Er ward zu einem Manne gerufen, der hoch oben in einem
Dachstübchen ein einsames Leben mitten unter seinen Büchern
hingebracht. Der Kranke, dem der herbcigernfcne Arzt das
schivindendc Leben nicht zu fristen vermochte, hatte sich in ge-
sunden Tagen nur kümmerlich beholfen und nun, da er krank
darniederlag, war Noth und Mangel da. Dennoch wollte er

den Doctor nicht umsonst bemüht haben und sprach ihm deshalb
seinen besten Schatz zu: seine Bücher. Nach seinem Tode sollte der
Doctor sie als sein Eigenthum an sich nehmen. Mehrere Körbe
Folianten und Quartanten kamen, als der einsame, frenndlose
Mann ans dem Leben geschieden, in des Doctors Haus, der
diese Bereicherung seiner Bibliothek mit nur mäßiger Freude
entgegennahm.

Hatte nun der einsame Bücherwurm sich einmal praktisch
mit der hermetischen Kunst beschäftigt, oder hatte er dieselbe nur
aus Büchern studirt . . . jedenfalls handelte ein ganzer Stoß
der dem Doctor zugefallenen Bücher von jener dunklen Wissen-
schaft; und von den Schriften des Hermes Trismegistos bis zu
denen des Basilius Valentinus war fast Alles vorhanden, was
über diese vermeintlichen Geheimnisse geschrieben worden.

Als Doctor Schaufler seinen neuen Bücherschatz musterte,
schaute er auch in jene Bücher voll verborgener, geheimer Weis-
heit; aber die wunderlichen räthselhaften Ausdrücke, die ihm in
denselben cntgcgentratcn, schreckten ihn ab, sich irgend tiefer in
all den Wust zu versenken; kopfschüttelnd schlug er die Folianten
zu und stellte sie irgendwo auf; er hatte andere näherliegende
Dinge zu bedenken.

Da standen sie nun, jene Bücher, die bestimmt waren,
sein und der Seinigen Glück und Frieden bis in's Tiefste zu
erschüttern, ruhig und unverfänglich in einer Kammer, und
Doctor Schaufler ahnte nimmer, welche Feinde in sein Haus
cingczogen waren.

Ist cs aber doch zuweilen, als ob das Unheil demjenigen,
. welchen cs sich zur Beute auserkoren, wie ein lauernder Vogel-
steller nachschleicht, und ihm, wenn er der einen Schlinge ent-
' gangen, neue stellt, bis er endlich das Opfer des listigen Jägers

18
loading ...