Fliegende Blätter — 66.1877 (Nr. 1641-1666)

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Ein Trau m.

(Schluß.)

In dem Schlafgemach fand der Angstgejagte seine Kinder
laut ivcinend am Bette der Mutter; er ergriff mit zitternder
Hand die Lampe und leuchtete der unbetveglich auf dem Lager
Ruhenden ins Angesicht, und schaute in die bleichen langgczogenen
Mienen einer Sterbenden; er prüfte den Pnls, der in langen
Zwischenräumen schwach und verlöschend zuckte. Wie kam das so
plötzlich, — sie war ja doch nicht ernstlich krank gewesen? All
seine Kunst war zu Ende. Was sollte er thun? Er wußte
es . . . nach jenem furchtbaren Tranmgesicht... sic tvar ver-
loren; das Leben entfloh, cs gab kein Mittel, das fliehende
aufzuhnlten! — und während er also rathlos am Bette stand und
nicht wagte, durch irgend welche Versuche (die ja doch vergeblich
waren) der Kranken letzte Augenblicke zn stören, hörte der
Betäubte Frau Günther wehklagend erzählen von dem Gram
und Kummer der Frau, und wie sie sich gesehnt zu sterben,
um erlöst zu werden aus der Angst dieses Lebens. „Sic hat
mir noch heute geklagt," fuhr die Nachbarin jammernd fort,
„wie sic sich so schwach fühle, daß sie nicht anders denken
könne, als es würde einmal rasch mit ihr zu Ende sein, und
sic hat mich gebeten, ivenn sic sterben sollte, ehe sie mit der !
Schivester reden könnte, sollte ich diese bitten, daß sie die Kinder
zu sich nehme. Ich erschrack nicht wenig über solche Rede,
aber das dacht' ich nicht, daß cs wirklich ... so rasch ... so
bald . . . Nun, ich ging Abends herauf zu Bett, die Frau
Doctorn war müde und traurig, wie all die Zeit her, aber
Besonderes könnt' ich ihr nicht anmerken; sic wollte sich auch
legen mit den Kindern. Mein Gott und ich schlafe schon, da
kommt die Linchcn an meine Thürc jammernd und schreiend:
die Mutter sterbe! Sie waren Alle schon eingeschlafen, da hatte
die Mutter ängstlich stöhnend die Kinder wachgernfen! „Holt
Frau Günther, ich sterbe!" hatte sic gerufen, und Linchen war
heraufgelaufcn. — „Ich bin des Todes erschrocken," fuhr die

Nachbarin fort, „und wie ich herunter komme, finde ich eine
Sterbende! Ich gleich herüber zum Herrn Doctor, aber ich habe
lange pocheu müssen. Ach, die arme Frau! Aber es ist Alles
umsonst! Ihr Herz ist gebrochen in Gram und Schmerz!"

Der Doctor hörte dies Alles durch die öde Betäubung
hindurch, die ans seiner.Seele lag; cs war ihm wie ein Traum,
aber jedes Wort drang in seine Seele und ging ihm durch's
Herz wie ein schneidend Schwert. Er sah, wie seine Kinder
weinend und schluchzend in den Armen der fremden Frau hingen,
bei ihr Trost und Schutz suchend, nach dem Vater aber fragten
sie nicht, er war ihnen zu fremd geworden. Das Alles stand
vor ihm, eine furchtbare Anklage. Sie, für die er sorgen, die
er schützen und hüten sollte, hatte er hingehen und verderben
lassen und hatte kein Auge für sic gehabt! O, der furchtbare,
der entsetzliche Wahn, der ihn und sie Alle so grenzenlos elend
gemacht, der ans seine Seele eine Schuld geladen, die er nie
gut machen konnte, die er mit sich hinschleppen mußte all seines
Lebens Tage bis in den Tod!

Es war eine unsägliche Vcrstörnng in ihm. Immer
wieder prüfte der Verzagende den verrinnenden Puls der Bewußt-
losen, legte die Hand auf ihr Herz und wartete in stummer Angst
auf das letzte Zucken desselben. Die Kinder ermüdeten unter
Weinen und Schluchzen, und Frau Günther vermochte sic, sich
wieder zu Bette zu legen, sie konnten ja doch nichts helfen. „Gehe
Sie nun auch zur Ruhe," mahnte endlich der Doctor, „ich bleibe
hier, und wenns nöthig sein sollte, rufe ich Sic!"

Er wollte allein sein mit seiner Qual, allein mit der
Dahinscheidenden. Zögernd und widerwillig ging die Nachbarin,
— sic hätte gern bei der Kranken gewacht.

Ganz still war cs geworden in dem dämmernden Gemach ;
die Wehklage war verstummt, nur hin und wieder schluchzten
die Kinder noch im Schlafe. Der Doctor stand am Bette seines


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