Fliegende Blätter — 82.1885 (Nr. 2058-2083)

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Ein Tag beiden Mormonen.

möchten, woraus mir sofort klar wurde, daß es meine eigenen
Kinder waren, die ich beinahe todtgetreten hätte.

Ich war kaum an dem Orte meiner Berussthätigkeit an-
gelangt und wollte mich eben in meine Arbeit stürzen — da
fiel mir ein, daß ich ja einem lieben Freunde und mor-
monifchen Glaubensgenossen versprochen hatte, bei der Ver-
heirathung desselben mit seiner 8. Frau als erster Zeuge
zugegen zu sein. Mein Wort mußte ich halten; die feier-
liche Handlung wäre ja sonst unmöglich gemacht worden. Da
nun die Zeit schon ziemlich vorgerückt war, lohnte es sich
nicht, erst mit der Arbeit zu beginnen. Ich zog also meinen
Arbeitsrock wieder ans und beschloß, die Zeit, die mir noch
, etwa blieb, zu Einkäufen der verschiedenen Kleinigkeiten zu be-
nutzen, die ich mehreren meiner lieben Frauen bei'm Frühstück
versprochen hatte. Auch hatte ich ja noch die Besorgungen,

die ich der einen meiner Schwiegermütter zusagte, zu erledigen,
gedachte auch zugleich zwei andern dieser lieben Verwandten,
die für sich hausten und schwer krank liegen sollten, einen Be-
such zu machen. Ich that das Alles und ging dann an's
Einkäufen. Ich wußte, daß die Galanterie des Amerikaners,
der ich ja nun war, es erfordert, seinen Damen jede Blühe

abzunehmen, bestünde diese selbst nur in der Beschaffung von
Toilette-Artikeln, und wollte mich daher als vollendeter Gentle-
man zeigen.

So kaufte ich denn für Herminchen den Fächer, den ich
ihr zum Ersatz siir den zerbrochenen versprochen hatte, für
Agathe einen kostbaren Sammetmantel. In einer der ersten
Putzhandlungen bestellte ich drei Damenhüte nach der neuesten
Fapon für die drei Geburtstage, die mir demnächst bevorstanden.

Es blieb mir nun noch übrig, zum Juwelier zu gehen, um
ein prächtiges Armband auszuwählen, mit dem ich mein heutiges
Geburtstagskind zu erfreuen beschlossen hatte.

Zum Glück fiel mir noch ein, daß auch mein lieber, kleiner
Hermann, mein 29. Sprosse, der mir heute Früh den Thee weg-
getrunken und die Tasse zerschlagen hatte, morgen bereits seinen
Geburtstag habe. Ich beeilte mich also, auch für den lieben Vier-
jährigen SU passant einige paffende Geschenke zu bestellen. Meine
Liste war damit noch nicht zu Ende. Ich ging in eine Blumen-
handlung, ließ mir für inein liebes, geburtstagsfülliges Frauchen
einen herrlichen Strauß binden und war nun endlich so weit,
den Heimweg antreten zu können. Der ganze Scherz hatte mich
die Kleinigkeit von fünf- bis sechshundert Dollars gekostet.


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Gefolgt von fünf oder sechs Austrägern der verschiedenen
Geschäfte, in denen ich gekauft hatte, betrat ich meine Be-
hausung. Sechs oder acht robuste Weiber tummelten sich da
im Flur herum, so daß ich mit meiner kleinen Karawane kaum
durchkonnte. Ich fragte, was sie dort zu schaffen hätten, wo-
rauf sie mir, über meine Frage erstaunt, bedeuteten, sic wären
die augestellten Waschfrauen meines Hauses. Durch diese Aus-
kunft zufrieden gestellt, begab ich mich in unser großes Wohn-
zimmer.

Aber was war das? Eine mir wildfremde, weibliche
Gesellschaft von etwa zwanzig oder fünfundzwanzig Köpfen
tummelte sich da herum. Alle waren natürlich lebhaft gesprächig;
dazwischen rief die Eine nach Diesem, die Andere nach Jenem.

Diese schalt und Jene klagte, dazu schnurrten fünf oder
sechs Nähmaschinen, so daß es einen Lärm abgab, daß man
sein eigen' Wort kaum hörte. Da wurden einige meiner Frauen
sichtbar. Sie erklärten mir, daß heute große Wüsche im Hause
sei, und als ich 'entrüstet frug, was denn das Alles hier für

Leute wären, sagte mau mir, daß sie alle ja zu meinem eigenen
Hauspersonal gehörten. Die einen wären die Zofen, die andern
die Friseurinnen, die Plätterinnen, die Näherinnen, die Schnei-
derinnen, und, der Teufel weiß, was noch für „innen", und
Alle seien sic zur Besorgung der nothwendigen, häuslichen Ar-
beiten in meinem Dienst!

Was blieb mir übrig, als die Sache ganz in der Ordnung
zu finden, denn am Ende brauchen ja zwölf junge Frauen,
wie die weinigen - die Schwiegermütter ungerechnet — eine
ganze Menge hilfreicher Hände.

In Eile gab ich die mitgebrachten Geschenke meinen diversen
lieben Frauen ab, wobei mir beinahe das Malheur passirt
wäre, daß ich die Geburtstagsgeschenke einer Anderen gegeben
hätte und das ächte Geburtstagskind leer ausgehen ließ. Doch
verbesserte ich meinen Jrrthum zeitig genug und erfreute mich
einen Augenblick an der Freude, die ich hervorgerufen hatte.
Darüber war ich so unvorsichtig, mich nicht schleunigst genug
in Sicherheit zu bringen, ehe der allgemeine Dankesjubel sich

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Ein Tag bei den Mormonen"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel Serientitel
Fliegende Blätter
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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Albrecht, Henry
Entstehungsdatum (normiert)
1884
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild Digitales Bild
Rechtsstatus
CC BY-SA 4.0 CC BY-SA 4.0
Creditline
Fliegende Blätter, 82.1885, Nr. 2061, S. 26 Universitätsbibliothek Heidelberg
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